Der perfekte Konkurrent

14 nordamerikanische Timber-Wölfe leben im niederösterreichischen Ernstbrunn auf einer Fläche von 30.000 Hektar. Dort erforscht der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal mit seinem Team ihr Sozialverhalten und vergleicht es mit dem von Hunden. Es ist noch viel Aufklärung und Konfliktmanagement nötig, ehe Wolfsrudel wieder in Österreich leben können.

Eva Maria Bachinger, Fotos: Karin Wasner, Publiziert in Salzburger Nachrichten, Wien 2013

Sobald die einjährige Leitwölfin Tala aus dem Gehege geholt wird und mit uns auf einen Waldspaziergang geht, beginnt das zurückgebliebene Rudel zu heulen. Ein Zeichen von sozialem Zusammenhalt, sagt Kurt Kotrschal. Die Wölfin läuft an der langen Leine munter durch den Wald und schnuppert herum – wie ein Hund, denkt man. Doch wenn man ihr ins Gesicht sieht, weiß man: Sie ist und bleibt ein wildes Tier, ein Wolf.

SN: Kann eine Wiederansiedlung von Wölfen in Österreich funktionieren?

Kotrschal: Wiederansiedlung ist der falsche Terminus. Das ist eine anthropozentrische Sichtweise. Wir haben nichts anzusiedeln. Es ist das verdammte Recht dieser Tiere, mit uns hier zu leben. Wir haben hier keine andere Rolle inne, als das zu akzeptieren. Sie siedeln sich an, nicht wir siedeln sie an.

SN: Was ist dann der Grund, dass es hier weniger Wölfe gibt als in Italien?

Kotrschal: Warum sind in Österreich 30 Braunbären spurlos verschwunden?

SN: Ja, warum? Es gibt offiziell keine Beweise.

Kotrschal: Doch, bei einem verstorbenen Jäger hat man einen ausgestopften Bären gefunden. Aber sonst gibt es keine Beweise.

SN: Also geht es um illegale Bejagung.

Kotrschal: Das habe ich nicht gesagt. Hier am WSC ist es unsere Aufgabe, so gut wie möglich über Wölfe zu informieren. Wir versuchen zu vermitteln, dass sie weder grausige Bestien noch Kuscheltiere sind. Wir führen keine Kampagne gegen oder für den Wolf. Das ist eine politische Angelegenheit. Es gibt wieder Wölfe, also muss man am Konfliktmanagement arbeiten. Der Lebensraum wäre da, und sie haben eine Chance, wenn die Österreicher willig sind, sich an Gesetze zu halten. Der Wolf ist in ganz Europa durch drei Konventionen streng geschützt. In der Lausitz in Deutschland hat man es auch geschafft, dass Schäfer, Bauern, Jäger und die Menschen, die den Wolf wollen, miteinander zurechtkommen. Wenn Wölfe in der Gegend leben, hat man auch Verluste. Der Ausgleich besteht nun darin, dass Menschen, die für die Wölfe sind, Geld zur Hand nehmen und das entschädigen. Der Großteil der Jäger in Österreich ist vernünftig, vor allem die Jüngeren sind ökologischer orientiert. Aber solange viele die schwarzen Schafe decken, kommen wir hier nicht weiter. Man kann die besten Einigungen treffen – wenn sich niemand daran hält, kann man es vergessen.

SN: Macht vielen Menschen nicht auch die Vorstellung Angst, durch einen Wald zu gehen und zu wissen, dass hier Wölfe leben?

Kotrschal: Das weiß ich nicht. Angst stammt hauptsächlich aus Nichtwissen. Das ist ein generelles Prinzip. Wenn Leute zu wenig wissen, fürchten sie sich natürlich auch – bis man draufkommt, dass man eh nie einem Wolf begegnet. In Skandinavien verschwinden in Wolfsgebieten relativ viele Jagdhunde. Aber sonst ist es nicht so tragisch. Dafür braucht man sich nicht mehr um Füchse und Schakale kümmern, die dann auch nicht mehr so häufig sind.

SN: Gilt es letztlich zu akzeptieren, dass da Tiere sind, die jagen, ohne zu fragen?

Kotrschal: Wölfe haben natürlich Konfliktpotenzial. Einige ihrer Ansprüche überlappen sich mit unseren. Wölfe sind an Haustieren interessiert und an Wild, das wir auch jagen. Sie sind perfekte Konkurrenten. Das ist auch ein Grund für die Ablehnung. Die meisten leidenschaftlichen Wolfsbefürworter gibt es übrigens in Städten.

SN: Was erforschen Sie am WSC?

Kotrschal: Es ist weltweit einzigartig, dass wir hier Wölfe und Hunde miteinander vergleichen können. Wir leisten experimentelle Arbeit zur geistigen Leistungsfähigkeit und Kooperationsfähigkeit. Alle Wölfe wurden von Hand aufgezogen, wir setzen sie nie unter Druck. Da gibt es kein Nein, kein Pfui – wir nehmen ihnen nichts weg. Durch die tägliche Zusammenarbeit klappt alles gut. Wir behandeln sie wie rohe Eier und mit viel Achtung. Wir haben die bestens trainierten, aber am schlechtesten erzogenen Hunde der Welt. Sie bekommen nie einen Rüffel, so weit es geht. Wenn man zu ihnen reingeht, ist man voller Schlamm, und die Wölfe sind freundlich distanziert. Wir versuchen, die Hunde immer exakt gleich zu behandeln, dann verschwimmen viele Unterschiede. Hunde sind laut und schusselig, Wölfe nie. In den Tests haben wir aber nicht so riesige Unterschiede. Sie möglichst angstfrei aufzuziehen, ist bei Wölfen eine Sicherheitsfrage. Wenn man sie unter Druck setzt, kommt das zurück. Bei beiden geht es darum, dass sie in Tests zeigen sollen, was sie können. Unter Druck findet man Auswege und läuft weg, aber gefinkelte soziale Kognition funktioniert nicht.

SN: Wie wichtig ist Kooperation bei Wölfen?

Kotrschal: Ein Wolf könnte schon einen Bison allein schlagen. Aber das ist gefährlich und nicht besonders effizient – nach stundenlanger Jagd kann er nur zehn Prozent davon essen. Im Rudel haben alle was davon, und es ist weniger gefährlich. Soziale Effekte auf die Gruppe kann man hier gut messen. Für den Zusammenhalt ist eine gemeinsame Unternehmung wichtig, sowohl beim Wolf als auch beim Menschen. Wenn bei einem Rennen Radfahrer ausbrechen und dann wieder von der Gruppe eingeholt werden, bin ich mir auch nicht immer sicher, ob das nur der Fahrtwind ist oder auch psychologische Komponenten dahinterstehen. Oder warum joggen manche gern in einer Gruppe? Wölfe leben ständig unter Druck, die Nachbarn sind nicht nett, und sie müssen jagen. Gemeinsame Unternehmungen schweißen die Individuen zusammen – sei es nun die Jagd oder eine Grenzpatrouille, die man überlebt hat. Auch bei Menschengruppen gibt es eine bessere Kohäsion bei Druck von außen. Wenn es Krisen gibt, halten Menschen nach innen besser zusammen. Kaum ist es länger friedlich, flattert alles auseinander.

SN: Kritiker meinen, man könne nicht alles eins zu eins auf den Menschen übertragen.

Kotrschal: Ja, das wäre dumm und ist auch politisch missbraucht worden. Menschen sind Menschen, Wölfe sind Wölfe. Aber wenn man wissen will, unter welchen Bedingungen sich beispielsweise Monogamie entwickelt, ist die vergleichende Arbeit mit Graugänsen erhellend. Dann merkt man, dass wir Menschen auch keine großen Ausnahmen sind. Die Grundprinzipien sind durchaus vergleichbar. Wölfe sind die Tiere, die uns im Sozialverhalten und in der Gruppenorganisation am ähnlichsten sind. Es hat einen Grund, warum wir heute mit Hunden an der Leine herumlaufen und nicht mit Ottern.

SN: Wie erklären Sie sich die anhaltende Faszination?

Kotrschal: Wie extrem das ist, haben wir erst mit der Wolfsstation hier erfahren. Unsere Angebote sind völlig ausgebucht. Dass die Menschen früher von Wölfen fasziniert waren, ist klar – sie hatten eine ähnliche Lebensweise wie die Menschen. Später, als wir sesshaft wurden, waren Wölfe nicht unbedingt die angenehmsten Zeitgenossen; einmal kam ein Tier weg, ein andermal ein Kind. Es ist kein Wunder, dass Wölfe in Ungnade gefallen sind. Aber die Faszination blieb. Der Grund dafür ist wahrscheinlich die nahe Beziehung. Wölfe sind niemandem egal. Solange der Mensch Jäger und Sammler war, hatte er zu Tieren ein Verhältnis relativ auf Augenhöhe. Mit der Domestikation des Wolfs ist auch die Dominanz über den Wolf eingetreten. Ein domestizierter Wolf, also ein Hund, tut im Wesentlichen, was ich will. Das ist schon ein Motiv. Menschen haben immer gern Tiere gehalten – exotische Tiere waren ein Privileg der Herrschenden, vom alten Ägypten bis zu den Habsburgern. Das hat mit Machtanspruch zu tun. Es ist das Symbol der Herrschaft über die Natur.

 
 
 

Kurt Kotrschal 1953 in Linz geboren, studierte Biologie an der Universität Salzburg. Nach Promotion (1981) und Habilitation (1987) folgten Forschungsaufenthalte in Arizona und Colorado, USA. Seit 1990 ist er Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau (www.klf.ac.at) und Professor am Department für Verhaltensbiologie, Universität Wien. Kotrschal ist Mitbegründer des Wolfsforschungszentrums WSC (www.wolfscience.at).

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