Im Tiefflug über Afrika
Ganz anders leben. Wie kommt man dazu, Buschpilot in Afrika zu werden?
im Interview mit Samuel Krahwinkler
Eva Maria Bachinger, Publiziert in Salzburger Nachrichten, Wien 2025
Samuel Krahwinkler hat einen außergewöhnlichen Lebensentwurf. Und er kommt dabei hoch hinaus. Aufgewachsen in Salzburg, war er schon als Jugendlicher im Artenschutz aktiv und bereiste Kanada, Russland, Skandinavien und Israel, später Australien und Neuseeland. Das Biologiestudium absolvierte er an der Universität Salzburg, anschließend schloss er in Florida in den USA die Ausbildung zum Berufspiloten ab, bevor er nach Afrika aufbrach, um in Namibia und Tansania sieben Jahre als Buschpilot zu arbeiten.
Buschpilot Samuel Krahwinkler im Einsatz.
SN: Herr Krahwinkler – warum ausgerechnet Buschpilot?
Samuel Krahwinkler: Mein Traumberuf verbindet die Biologie und das Fliegen, meine Hauptinteressen. Schon als Kind habe ich gerne in den Himmel geschaut. Alles Fliegende faszinierte mich – ob Bartgeier oder Flugzeug. Nach Abschluss der Pilotenausbildung reiste ich mit Rucksack nach Afrika. In Namibia sammelte ich bei einer Charterfirma Flugstunden und wertvolle Erfahrungen. Mein Ziel, im Artenschutz zu arbeiten, verwirklichte sich bei der amerikanischen Organisation Wildlife Conservation Society (WCS) in Tansania. WCS ist eine wissenschaftlich basierte NGO, die weltweit und in vielen Ländern Afrikas vertreten ist.
SN: Was war dort Ihre Aufgabe?
Ich war zuständig für ein Schutzgebiet von 90.000 Quadratkilometern, etwa die Größe Österreichs. Das „tägliche Brot“ waren Patrouillenflüge im Auftrag der Behörden, um nach Wilderern und illegalen Aktivitäten zu suchen. Auch groß angelegte Tierzählungen wurden von uns durchgeführt. Nationalpark-Ranger waren als Observer mit an Bord, manchmal auch Regierungsvertreter. Die erhobenen Daten des Monitorings waren Grundlage für die Planung von Bodenpatrouillen, um nach Wilderern zu suchen.
Ranger des Wildreservats und Pilot
SN: Sie könnten ja auch ein Passagierflugzeug fliegen, warum diese Flüge?
Es ist das Fliegen in Afrika, die Landschaft und die Wildnis. Aus der Vogelperspektive wird die Dimension der Weite erst richtig spürbar. Mir gefiel auch, dass ich in vielen Bereichen mein eigener Chef war und für meinen Arbeitsplan, die Kommunikation mit den Behörden und für die Flugzeugwartung selbst verantwortlich war. Die Arbeit war sehr vielfältig: Bei einer Bodenpatrouille zu Fuß mit schwerer Bewaffnung lernte ich auch die Arbeit der Ranger kennen. Ein anderes Mal musste ich Lebensmittelpakete für Ranger abwerfen, die wegen Überschwemmungen im Wildreservat nicht weiterkamen. Manchmal war auch die Suche mit dem Flugzeug nach vermissten Rangern angesagt. Auch das Fliegen selbst ist sehr abwechslungsreich – das Landen auf kurzen Pisten, auf Sand, auf Gras oder Schotter. Tiere auf der Landebahn sind natürlich auch keine Seltenheit. In der Regenzeit musste ich riesige Gewitterzellen weiträumig umfliegen. Oft fliegt man in nur 150 bis 300 Metern über dem Boden. Im Laufe des Tages wird es durch zunehmende Thermik in der Luft sehr turbulent. Vogelschlag kommt leider auch vor. Auch wenn eine Cessna 206 grundsätzlich ein robustes „Arbeitstier“ ist, gibt es immer wieder Probleme, mit denen ich allein zurechtkommen muss. Mitten im Ruaha-Nationalpark hatte ich einen Hangar, wo ich selbst kleinere Arbeiten wie zum Beispiel Ölwechsel durchführte. Zur Wartung überstellte ich das Flugzeug nach Nairobi.
Elefantenkühe mit Nachwuchs.
SN: Wo haben Sie gewohnt?
50 Meter vom Hangar entfernt hatte ich eine Dienstwohnung. Die nächste Einkaufsmöglichkeit war drei Autostunden auf einer Schotterstraße entfernt in Iringa – einer Stadt auf 1500 Metern Seehöhe mit kühlerem Klima, als Ausgleich für die teilweise unerträgliche Hitze im Nationalpark.
SN: Was erlebt man so, wenn man seinen Wohnsitz mitten im Nationalpark hat?
Nächtliche Besuche von Elefantenherden vor dem Schlafzimmerfenster. Morgendliche Begegnungen mit Löwenrudeln auf dem Fußweg zum Flugzeug. Eine schwarze Mamba unterm Sofa. Verwüstung der Wohnung durch Affen, die es auf meine Lebensmittel abgesehen hatten. Ein von einem Elefanten eingedrücktes Fenster, der sich eine Mango vom Küchentisch geholt hat. Nächtlich grasende Hippos vor der Haustür, eine von spielenden Pavianen zerstörte Heckscheibe am Flugzeug.
Löwenjunges
SN: Welche Erfahrungen machten Sie mit den Behörden?
Grundsätzlich funktionierte die Zusammenarbeit. Die Behörden hatten aber auch Probleme im Management und mit fehlenden Ressourcen. Die Lebensraumzerstörung, das Bevölkerungswachstum und die Zersiedelung sind enorm. Es gibt zwar nach wie vor Elefantenwilderei, aber da hat sich einiges verbessert seit der Zerschlagung einiger Elfenbeinhändlerringe. Im Ruaha-Rungwa-Ökosystem ist die Elefantenpopulation zwar auf einem niedrigen Niveau, aber stabil. Ein weiteres Problem sind etwa große Rinderherden, die zum Grasen ins Schutzgebiet getrieben werden und mit den Wildtieren vor allem in der Trockenzeit um Nahrung konkurrieren. Illegales Holzfällen, Bergbau und Fischen sind weitere Probleme in den Schutzgebieten, die die Behörden vor große Herausforderungen stellen.
SN: Was macht man dagegen? Schaut die Regierung mehr auf Touristen und Wildtiere als auf die Einheimischen?
Viele Menschen profitieren ja auch vom Tourismus, da hier Arbeitsplätze entstehen. Mit manchen Bevölkerungsgruppen kommt es aber leider auch zu Konflikten, wenn diese die Schutzgebiete nicht anerkennen. Natürlich misstrauen viele den Behörden, wenn Menschen umgesiedelt und Behausungen niedergebrannt werden. In den Schutzgebieten, in denen ich geflogen bin, siedelten sich Menschen an, im Wissen, dass dies dort nicht erlaubt ist. Vom Flugzeug aus ist dies allerdings gut sichtbar: da ein Haus, dort eine Straße, Mais- und Tabakfelder. Wird dagegen nichts unternommen, geht der Lebensraum für die Wildtiere verloren und die Natur bleibt auf der Strecke, wie das ja derzeit global der Fall ist. Wichtig ist, dass die betroffene Bevölkerung in die Entscheidungen miteinbezogen wird, sodass sie auch vom Artenschutz profitiert. Wilderer können als Touristenführer rekrutiert werden, sie kennen das Gebiet am besten. Die Wilderei ist ein Symptom von sozialen Problemen: Armut, Ungerechtigkeit und mangelnder Bildung. Nur wenn hier angesetzt wird, kann sich etwas verbessern.
Cessna 206 beim Start zum morgendlichen Patrouillenflug.
SN: Wie wird der Artenschutz abgesehen von Spenden und staatlichen Mitteln finanziert?
Finanziert wird er hauptsächlich durch den Foto-Tourismus, aber auch durch die Großwildjagd. Vorausgesetzt die Trophäenjagd wird gut gemanagt, hat dies für die Wildtierpopulationen kaum negative Folgen. Ich bin kein Befürworter der Trophäenjagd und kann nicht nachvollziehen, wie man aus Vergnügen einen Leoparden erlegen und dann die halbe Nacht grölend und vor Freude singend den Abschuss feiern kann. Aber die Großwildjagd ist paradoxerweise tatsächlich eine Möglichkeit, den Lebensraum zu schützen. Hier werden meiner Meinung nach oft zwei Fragestellungen – die der Ethik und die des Artenschutzes – miteinander vermischt. Der Artenschutz kann auch einmal sehr pragmatisch ausfallen, der Umgang mit Lebewesen ist eine andere „Baustelle“. In den letzten Jahren war die Trophäenjagd in den mir vertrauten Schutzgebieten rückläufig. Es ist wichtig, auch andere Einnahmequellen in Erwägung zu ziehen.
Der schnellste Bewohner der Savanne: der Gepard.
Geführt von der Leitkuh bahnt sich die Elefantenherde den Weg durchs Grün.
Elefant im Abendlicht.
Ruaha Nationalpark