Wir sind Pioniere 

Extrembergsteiger in Rumänien? Noch nie davon gehört? Alex Gavan und Zsolt Török sind Vertreter der Bergszene in dem osteuropäischen Land. Im Bergauf-Interview berichten sie über ihre Bergabenteuer und Pläne, aber auch über ihren Einsatz für die rumänischen Urwälder.

Wir befinden uns im Buchen-Urwald Coșava Mică im Südwesten Rumäniens. Der Laubwald ist prächtig herbstlich gefärbt. Alex Gavan und Zsolt Török setzen sich dafür, dass in diesem Wald nicht mehr geschlägert wird.

Text: Eva Maria Bachinger, Foto: Matthias Schickhofer

Publiziert in Bergauf-Magazin des Österreichischen Alpenvereins, 2016

In Österreich weiß man nicht viel über Bergsteiger aus Rumänien.

Török: Wir sind Pioniere. Die rumänischen Bergsteiger waren durch den Kommunismus 40 Jahre lang eingeschränkt. Nur Reiche gingen in die Berge, die Anderen konnten nicht in andere Länder reisen, sie mussten im Land bleiben. Hier konnten wir auch viel lernen, aber um weiterzukommen muss man in die Alpen, ins Karakorum, in den Himalaya. Es war für mich unmöglich ohne Sponsoren größere Bergtouren zu planen und durchzuführen. Die Eiger Nordwand war weit weg. Ich vergleiche mich deshalb nicht mit anderen europäischen Bergsteigern, denn wir hatten lange nicht dieselben Möglichkeiten.

War das für Sie auch so?

Gavan: Ich bin jünger als Zsolt. Nun ist es anders. Meine Leidenschaft ist sehr groß, ich versuche meine Träume zu verwirklichen. Wir sind genauso verrückt wie alle anderen und wollen einfach klettern. Mein erster Achttausender war der Cho Oyo. Für meine erste Auslandsexpedition brauchte ich allerdings auch drei Jahre bis ich das Geld beisammen hatte.

Török: Es gibt nun eine neue Generation. Die Jüngeren wissen nichts mehr über meine Probleme im Kommunismus. Wenn man in den Himalaya will, geht man.

Wie kamen Sie zum Bergsteigen?

Gavan: Ich bin zwar bei den Bergen aufgewachsen und habe immer auf den Varful Mindra in den Südkarpaten geschaut. Während der Schulzeit war ich auch bei der Bergrettung ehrenamtlich tätig, aber niemand in meinem Umfeld war ein Profi-Bergsteiger. Ich habe spät begonnen, erst an der Universität in Bukarest. Nun habe ich öfters das Gefühl, dass ich bis dahin mein Leben verschwendet habe. Aber nun habe ich ja aufgeholt.

Török: Wenn man eine Felswand sieht, fühlt man im Herzen, dass man sie erklimmen muss. Das war bei mir der Beginn. Meine Mutter hat mir von Abenteurern erzählt, wie Jack London, und ich habe Bücher von Karl May gelesen. Ich habe mir gedacht, gut, wir leben nun in einer anderen Zeit, aber was kann ich in meinem Leben tun um solche Abenteuer zu erleben? Bergsteigen ist wie Medizin für mich. Ich kann es mein ganzes Leben lang tun und es hält mich jung. Ich will nicht nur essen, schlafen, aufstehen und in die Arbeit gehen. Ich nehme meinen Rucksack und gehe. Das ist Freiheit.

Welche Pläne haben Sie in der nächsten Zeit?

Gavan: Wieder einen Achttausender besteigen, aber ich spreche vorher nicht so gerne darüber. Ich habe bisher sechs bestiegen, mit zwölf Anläufen. Es braucht viel Zeit, viele Opfer und Geld um das tun zu können. Aber mein wichtigster Plan ist derzeit in neue Schulen in Nepal zu investieren. Ich war 2015 beim Erdbeben im Everest Basislager und habe geholfen. Zurück in Rumänien habe ich Geld gesammelt.

Török: Ich will wieder in den Himalaya und nach Patagonien. Der Cerro Torre steht auf meiner Liste und die Südwand des Aconcagua. Ich mache nichts Neues, aber ich wiederhole klassische Routen, von Slowenien bis Frankreich. Wenn man Achttausender besteigt, dann verstehen die Leute das, sie kennen die Namen. Aber ich habe nicht die Zeit alle zu besteigen, Alex vielleicht schon.

Haben Sie Kontakt zu anderen Bergsteigern?

Török: Ja, vor allem mit Simone Moro. Ich halte viel von Reinhold Messner, Stephan Siegrist und Uli Steck. Mein Können ist aber weit weg von ihren Fähigkeiten.

Gavan: Ich klettere meistens mit Bergsteigern aus anderen Ländern. Ich habe keine Vorbilder. Ich glaube, das ist gefährlich, denn man tendiert dazu sie nachzuahmen. Ich lasse mich aber gerne von Anderen inspirieren. Ich bewundere etwa Denis Urubko.

Sie beide engagieren sich für den Schutz der rumänischen Urwälder. Warum?

Török: Ich finde es als Bergsteiger normal die Natur zu schützen. Unsere Zivilisation kann nur aufgrund der natürlichen Lebensgrundlagen überleben. Wir müssen die allgegenwärtige Mentalität ändern, dass wir immer mehr verschmutzen und ausbeuten. Die Bevölkerung in Rumänien will viele Projekte nicht, und so ist es derzeit ein Kampf gegen mächtige, einflussvolle Gruppen.

Gavan: Die Berge, die Wälder haben mich von Kindheit an begleitet, sie sind meine innere Landschaft sozusagen. Ich engagiere mich nun schon eine Weile gegen illegale Schlägerungen. Die Menschen müssen den Wert dieser Wälder verstehen. Im Semenic-Nationalpark haben wir den größten Buchenurwald Europas, ein Bergwald auf 1.200 Meter. Es gibt in Rumänien die größten Wolf- und Bärpopulationen abseits von Russland. Aber es besteht ein großer Druck von westlichen Firmen, leider auch aus Österreich, die die Wälder ausbeuten wollen. Pro Stunde verschwindet drei Hektar Wald, das sind fast drei Fußballfelder. Viel Holz kommt sogar aus Schutzgebieten. Was hier in Rumänien passiert, ist die Zerstörung der letzten, schönen Urwälder in Europa. Das ist ein europäisches Thema.

Was können wir in Österreich tun?


Gavan: Zum Beispiel nicht mehr bei Firmen einkaufen, die mit Holz aus Rumänien handeln. Es kann nicht mehr nur um Profit gehen. Eine Firma muss auch danach beurteilt werden wie verantwortlich sie mit der Natur umgeht. Das österreichische Unternehmen Schweighofer wurde bereits mehrmals kritisiert. Das wahre Problem ist aber das rumänische System, die massive Korruption, und dass wir Bürger die Ausbeutung unseres Landes zulassen. Meine Botschaft ist: Der Wald ist nicht nur Brennholz, das Wildlife ist nicht nur Jagd, und wir sind nicht Wenige.

Török: Jeder ist verantwortlich. Wenn ich Billigmöbel kaufe und sie rasch wieder wegwerfe, produziere ich nur Müll. Aus Urwald wird Müll, er ist unwiederbringlich verloren. Es ist wichtig Qualitätsprodukte zu kaufen, die lange halten, Dinge auch wieder zu reparieren. Wir haben nur diese eine Erde.

Gavan: Es sind natürlich auch politische Lösungen nötig, die EU könnte Druck machen, dass es keine Schlägerungen mehr in Schutzgebieten geben darf. Wir können jedenfalls so nicht weitermachen, die Ressourcen sind begrenzt. Derzeit leben wir auf Kosten der Natur und der nächsten Generation.

Alexandru Găvan, geb. 1982, war der erste Rumäne auf den Gipfeln des Gasherbrum I und Makalu. Bisher hat er sieben Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. www.alexgavan.ro

Zsolt Török, geb. 1973, hat die klassischen Nordwände der Alpen bestiegen, im Himalaya den Nanga Parbat, ebenfalls ohne Zusatz-Sauerstoff, sowie den Pumori. Torok war auch Bergführer. Torok kam auf einer Trainingstour am 2.535 Meter hohen Negoiu in Rumänien 2019 ums Leben.

Der Naturfotograf Matthias Schickhofer, geb. 1967 hat zahlreiche Urwälder bzw. Urwaldreste in Europa besucht und zwei Bildbände im Brandstätter-Verlag veröffentlicht: „Unser Urwald“, 2015 sowie „Urwald in Österreich“, 2013

www.schickhofer-photography.com 

 
 

“Die Ressourcen sind begrenzt. Derzeit leben wir auf Kosten der Natur und der nächsten Generation.” 

 
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