Wir Bergsteiger tun immer so naturverbunden
Simon Messner im Interview
Eva Maria Bachinger, Foto: Eva Maria Bachinger/Simon Messner
Publiziert in Salzburger Nachrichten, 2026
Simon Messner ist Biologe und Bergsteiger - und Sohn von Reinhold Messner. Die Filmemacherin Veronika Kaserer hat die sehenswerten Doku „Aus dem Schatten“ über ihn gedreht. Im Mittelpunkt steht seine Expedition mit Martin Sieberer auf den 6.754 Meter hohen Chumik Kangri im pakistanischen Karakorum. Eine Gespräch über die ökologischen Folgen des Bergsteigens und die Grenzen des Alpinismus auf seinem Hof bei der Burg Juval in Südtirol.
SN: Im Film ist auffallend, dass Angehörige viel Raum bekommen und Ihre Gespräche mit älteren Bergsteigern über die Vaterrolle. Hier sind doch unterschiedliche Generationen aufeinander getroffen. Sehen Sie das auch so?
Messner: Ja, absolut. Was mir sehr gut an diesem Film gefällt, ist, dass die Regie, die Musik und der Schnitt von Frauen gemacht wurde. Man spürt diesen anderen Blickwinkel eindeutig: Was bedeutet es für einen jungen Vater nach Pakistan aufzubrechen, wohl wissend, dass er seine Frau mit der kleinen Tochter alleine zuhause lässt? Das hat mich innerlich zerrissen und das kommt im Film gut zur Geltung.
SN: Das hat ältere Bergsteiger auch beschäftigt, aber letztlich wurde die Verantwortung für die Kinder als Aufgabe der Frau angesehen.
Messner: Ja, das könnte durchaus sein. Ältere Generationen haben das anders vorgelebt bekommen. Das ist glücklicherweise im Wandel. Ich habe mir zunehmend die Frage gestellt, ob ich mein Tun als Vater noch verantworten kann. Bei einer Expedition 2019 galten mein Kletterpartner und ich mehrere Tage im Karakoram als verschollen, wir waren am Leben, aber wir konnten unsere Angehörigen nicht erreichen. Das hängt meiner Frau noch sehr nach. Deshalb haben wir die Vereinbarung getroffen, dass ich zwar weiterhin auf Expedition gehen darf, aber nicht häufiger als alle zwei Jahre. Ich finde das gut, aus ökologischen Gründen und auch weil eine Expedition etwas Besonderes bleiben sollte.
SN: Das ist auch ein Gedanke, den ich schon vor 15 Jahren bei Bergsteigern in Interviews abgefragt habe, aber oft nur ausweichende Antworten erhalten habe.
Messner: Das Expeditionsbergsteigen produziert sehr viele CO2-Emissionen. Jeder, der das verleugnet, verdrängt die Realität. Wir Bergsteiger tun immer so naturverbunden, aber auch wir fliegen um die Welt und fahren nach wie vor mit dem Auto zum Klettern. Das zu verdrängen ist leicht, denn sonst müsste man sein Tun ja in Frage stellen. Man merkt aber, dass man sich heute in der Szene vermehrt Gedanken zu diesem Thema macht.
SN: Wie gelingt es Ihnen das Bergsteigen umweltfreundlicher zu gestalten?
Messner: Es ist ein Kompromiss: Um gewisse Berge zu erreichen, bin ich auf ein Auto angewiesen. Mein tägliches Training aber betreibe ich von Zuhause aus. Es ist wunderschön in der unmittelbaren Umgebung Ausflüge zu machen, weil man zu Fuß seine Heimat wirklich kennenlernt. Mit einem E-Bike kann man auch erstaunlich weite Strecken zurücklegen. Das Klettern ist aber in den letzten Jahren für mich generell in den Hintergrund gerückt. Die Arbeit am Hof lässt mehr Freizeit derzeit einfach nicht zu. Also gelingt es mir heute auch deshalb besser, an einem schönen Tag auch mal zuhause zu bleiben. Aber natürlich kann man jungen, hochmotivierten Alpinisten nicht verbieten, die Welt sehen zu wollen, aber dieser Gedanke kann den Blick weiten.
SN: Sie haben auch Biologie studiert. Wie sehen Sie die ökologische Lage?
Messner: Wenn man die Zusammenhänge ansatzweise versteht, wird klar, so wie wir leben, funktioniert das nicht mehr. Obwohl ich auf meinem Bergbauernhof in der Theorie „nachhaltig“ lebe, belastet mein Dasein die Umwelt: Auch ich muss ins Tal fahren und Kraftfutter für die Tiere oder Lebensmittel für unsere Feriengäste einkaufen. Leider ist das so. Mein Hof lebt von Feriengästen und Touristen, das steht für mich außer Frage. Und doch sehe ich den Tourismus, wie wir ihn mittlerweile in Südtirol haben, sehr kritisch, gerade in den großen teuren Hotels, weil diese Sparte besonders viele Ressourcen verbraucht und Emissionen verursacht. Dazu kommt ein immenses Verkehrsaufkommen, dem dieses kleine Alpenland einfach nicht mehr gewachsen ist.
SN: Viele meinen, solange die Anderen nicht umsteigen, will ich auch nicht verzichten.
Messner: Das ist ein großer Trugschluss. Uns muss einfach bewusst sein, dass so ziemlich alles was wir Menschen tun und nutzen, Emissionen produziert. Wir sind heute eine sehr große Zahl an Menschen, die natürlich alle die Berechtigung haben zu leben. Es ist nicht abschätzbar, welche Folgen das noch für die Natur haben wird. Wir haben viele Entwicklungen losgetreten, die wir nicht mehr so einfach rückgängig machen können. Zum Beispiel ist das Mikroplastik global im Kreislauf. Oder die aktuelle Flutkatastrophe in Nepal ist eine Folge der Klimaerwärmung. Ich fürchte, das ist eine Gefahr, auch in den Alpen, die wir kaum noch abschätzen können. Die Steinmassen, die jetzt schon in Bewegung sind, die zerbröckelnden Berge - darauf ist unsere moderne Gesellschaft nicht vorbereitet.
SN: Warum steigen Sie freiwillig auf Berge?
Messner: Ich finde die Frage sehr spannend, wieso macht man das eigentlich? Will ich es oder bin ich getrieben? Ich war eine Zeit lange sicher auch getrieben, konnte das mittlerweile aber weitestgehend ablegen. Es gibt aber sicher tausend und mehr Antworten auf diese Frage. Man stellt sich Bergsteiger immer als freiheitsliebende, glückliche Menschen vor, die in der Natur sein dürfen. Aber so ist es nicht immer: Ich kenne einige Bergsteiger, die einen starken Druck verspüren, hinausgehen zu müssen. Vielleicht läuft man ein Stück weit auch vor dem Leben im Tal davon. Ich weiß es nicht. Jedenfalls zwingt einen das Bergsteigen ins Jetzt und man ist gezwungen, den Fokus auf den Berg zu richten. Ich kann nicht an die Steuererklärung denken, wenn ich im schwierigen Fels klettere. Das ist fast wie Meditation. Und gerade, wenn eine Tour nicht gelingt, lernt man so viel über sich, vor allem erkennt man, wie weit der Mensch noch gehen kann, wenn er schon lange denkt, es geht nicht mehr. Was der Körper kann, wie sehr die Grenzen verschiebbar sind! Wenn man es schafft, diese Erkenntnisse ins eigene Leben zu holen, ist der Berg ein Geschenk. Man lernt, manche Dinge auszusitzen, das Bergsteigen schult die Widerstandsfähigkeit. Sicher ist es auch eine Dekadenz-Erscheinung, denn das extreme Bergsteigen ist nur möglich, weil wir wohlhabend sind.
SN: Bergsteigen ist egoistisch, sagen Sie im Film.
Messner: Ja, es darf auch egoistisch sein, es ist nur die Frage, welchen Preis bin ich bereit zu zahlen oder Andere dafür zahlen zu lassen? Es kann viel passieren und das Training kostet sehr viel Zeit und Energie. Einige Freunde von mir sind nicht mehr zurück gekommen. Ihre Familien beschäftigt das Jahre, Jahrzehnte. Natürlich ist das egoistisch. Man kann das alles verdrängen oder man beginnt zu überlegen, so weit gehe ich, aber nicht weiter, weil zuhause Menschen auf mich warten.
SN: Bergsteigen wird auch oft so heldenhaft dargestellt.
Messner: Ja, das Heldenhafte steht oft im Vordergrund. Sicher, jeder von uns hört gerne Heldengeschichten, aber es gibt gewisse Interessengruppen, die das befeuern, Sponsoren oder Fans, die aus Bergsteigern Helden machen. Aber wenn wir die großen Namen im Alpinismus durchgehen, dann sind das oft keine Helden, sondern eher Menschen, die es nicht immer ganz leicht im Leben hatten. Der Berg kann auch ein Rückzugsort sein, eine Möglichkeit, sich zu beweisen um den Selbstwert aufzubauen oder zu erhalten. Das passt dann oft nicht mit dem Bild von einem Held zusammen. Ich bin jedenfalls kein Held. Wozu auch?
SIMON MESSNER
Simon Messner, geb. 1990, ist Biologe, Bergsteiger und Biobauer. Im Kino ist derzeit der Film “Aus dem Schatten” von Veronika Kaserer zu sehen. Er begann mit sechzehn zu klettern und hat über vierzig Erstbegehungen absolviert, u.a. in den Alpen, im Oman, in Jordanien und im Sinai.