Wer hat Angst - vor wem?

Der Wolf, der Mensch und diese verdammte Ähnlichkeit

Text: Eva Maria Bachinger, Foto: Karin Wasner

Publiziert in Berg 2026 der Alpenvereine

 

Ailo beginnt zu zittern. Der schwarz-weiße Bordercollie-Kelpie-Mischling ist einsatzbereit. Michael Knollseisen holt seine rund 40 Schafe von der Weide in der Nähe seines kleinen Hofes im Kärntner Mölltal. Er hält mit seiner Frau Tanja in einer Höhe von 1300 Metern auf schrägen Hanglagen die sel- ten gewordenen Krainer Steinschafe. Die robuste Rasse war jahrhundertelang in Kärnten, Friaul und Slowenien verbreitet, wurde aber durch Hochleistungsrassen fast ganz verdrängt.

Vorneweg gehen die zwei Töchter Lisa und Lena, sieben und neun Jahre alt. Lena hat einen Kübel voll Kraftfutter in der Hand. Die Schafe, manche mit Glöckchen, folgen brav. Sie haben alle einen Namen und werden von den Mädchen immer wieder liebevoll gestreichelt. Es ist ein friedliches Ritual, jeden Abend und jeden Morgen. Knollseisen setzt nicht nur auf den Hütehund Ailo, sondern auch auf Sila und Curda, zwei schneeweiße Herdenschutzhunde der Rasse Cane da Pastore Maremmano Abruzzese. Sie stammen von der Sennerin Barbara Crea, die eine Alm in der Lessinia östlich des Gardasees bewirtschaftet. Mit 100 Schafen und 100 Ziegen sowie neun Herdenschutz- und Hütehunden. Just bei ihrer Alm hat sich auch ein Wolfsrudel niedergelassen. Sie lebt damit.

Ortswechsel. Ich bin im Piemont unterwegs zum 2457 Meter hoch gelegenen Pass Giulian. Es reg- net bereits seit dem Morgen. Als ich fast am Pass bin, begegne ich einer großen Schafherde, die von der anderen Seite kommt. Es ist ein Hirte dabei, er schützt sich mit einem kleinen Regenschirm gegen den Dauerregen. Seine sechs Hunde haben mich sofort entdeckt und laufen auf mich zu. Sie knurren und bellen bedrohlich. Ich bleibe ruhig stehen. Da sie sich nicht beruhigen, gehe ich langsam ein paar Schritte rückwärts. Die Herde zieht ohnehin weiter, und irgendwann wird den Hunden der Abstand zu den Schafen zu groß und sie werden umkehren, denke ich. So ist es dann auch. Sie ziehen sich zurück.

Der Hund, Canis lupus familiaris, begleitet den Menschen und schützt seine Nutztiere vor seinem Ahn, dem Wolf, Canis lupus lupus. Vor Jahrtausenden gingen Homo sapiens und der Wolf gemeinsam auf die Jagd, so vermutet man. Schließlich hat sich der Wolf immer mehr an den Menschen angepasst und wurde zum Hund domestiziert. Seine Kooperationsbereitschaft ist ein Erbe seiner wilden Stammform

Ich habe vor Hunden keine Angst und betrachte sie als Realität einer Almwirtschaft, die ihre Tiere vor Wolf und Bär schützen muss. Auch vor Wölfen in Mitteleuropa habe ich keine Angst, schon gar nicht vor Einzelgängern. Ich würde mich freuen, könnte ich einen frei lebenden Wolf sehen. Es wäre ein absoluter Glücksfall. Bisher habe ich keinen Wolf in den Alpen gesehen, auch nicht in den Bergen von Albanien, Rumänien, der Slowakei oder Kanada, obwohl es dort Dutzende Rudel gibt und ich oft längere Zeit mit dem Zelt unterwegs bin, die Einsamkeit suchend. Kein Wolf hat mich bedroht oder gar gefressen. Jene, die so etwas befürchten, haben keine Ahnung. Nur Wolfsgeheul habe ich schon gehört, auch Wolfsspuren gefunden.

Alles hängt mit allem zusammen

Eines Morgens haben bei Landwirt Michael Knollseisen die Hunde angeschlagen. Er stürzt auf den Balkon und sieht einen Wolf. Er hat auch keine Angst, sondern sieht es pragmatisch: „Es ist klar, dass Hühner nachts nicht im Freien bleiben können, denn sonst habe ich am nächsten Morgen keine Hühner mehr, weil der Fuchs sie holt. Deshalb kann ich auch Schafe nicht ungeschützt lassen.“

Im Sommer kommen seine Schafe in eine große Herde auf die Wangenitzalm, ohne jeglichen Schutz. „Wir klopfen auf Holz, bisher ist nichts passiert“, sagt Knollseisen. Er wäre für Herdenschutz auch auf der Alm, aber in der derzeit aufgeheizten Stimmung ist es besser, den anderen Bauern nicht mit solchen Vorschlägen zu kommen. Diese alte Kultur wieder aufzubauen, mit Infrastruktur für Hirten, Helfer und Hunde, auch mit Betreuung im Winter, ist ein großer Aufwand und eine Umstellung, allerdings unumgänglich, wenn man die Tatsache zur Kenntnis nimmt, dass Wölfe wieder ein Teil der hiesigen Tierwelt sind.


Auch wenn wir die Stammesgeschichte von Canis lupus noch nicht vollständig kennen, steht fest: Der Wolf war lange vor dem Homo sapiens da. Nun lässt man ihn nach seiner zwischenzeitlichen Ausrottung in die früheren Besiedlungsgebiete zurückkommen, weil sich die EU-Staaten vor 40 Jahren darauf geeinigt haben, für viele Tier- und Pflanzenarten wieder einen „guten Erhaltungszustand“ erreichen zu wollen. Festzustellen, wann dieser Zustand erreicht ist, obliegt der Wissenschaft. Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) sieht durchaus vor, dass Wölfe auch getötet werden dürfen, wenn sie Leben und Wirtschaft gefährden – und wenn keine „gelinderen Mittel“ wie Herdenschutz und Vergrämung zur Verfügung stehen oder nicht möglich sind. Wo unser Denken gern alles isoliert betrachtet, gilt doch das große Ganze: In Ökosystemen hängt alles mit allem zusammen. Ein Verschwinden von Arten hat Folgen für das gesamte System, letztlich auch für uns. Es nützt den Ökosystemen in Mitteleuropa nicht viel, wenn es viele Wölfe in Russland gibt. Es braucht sie auch hier.

Ich habe keine Angst vor Wölfen, weil ich mich über ihr Verhalten informiert habe und weil ich die Statistik kenne.

Es ist wahrscheinlicher, von einem anderen Menschen bedroht zu werden oder beim Autofahren ums Leben zu kommen, als von einem Wolf angegriffen zu werden. Angst ist aber in unserer Kultur zu einem dominierenden Faktor geworden: die Angst vor Kontrollverlust, vor dem Fremden, vor Wohlstandsverlust, vor Pandemien. Angst wird auch bewusst geschürt und sie gedeiht, wenn Unwissenheit und Unerfahrenheit vorherrschen. Doch Angst erschwert rationales Denken und Handeln. Beim Wolf kommen kulturhistorisch uralte Bilder hoch: der böse Wolf, der uns mit Haut und Haar fressen will. Das blutrünstige Monster, das unschuldige Lämmer massakriert, das sich gezielt Siedlungen und kleinen Kindern nähert. Ihnen liegt ein wahrer Kern zugrunde, doch sie sind überzeichnet und widersprechen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Debatte um den Wolf hat ein hohes Ausmaß an hitziger Übertreibung und Polarisierung, an Verlogenheit und Dummheit angenommen. Natürlich, der Wolf kann Menschen töten, so wie auch der Hund. Doch dass Wölfe die Distanz zum Menschen verlieren, passiere selten, erklärt Wolfsforscher Kurt Kotrschal. Sie seien neugierige, aber scheue Wesen, auch ohne Bejagung. Aber: „Das bedeutet natürlich nicht, dass Wölfe Kuscheltiere wären. Dem Menschen gefährlich werden sie, wenn sie angefüttert werden, wenn die Tollwut grassiert, zu Kriegszeiten oder wenn die natürliche Beute fehlt. Solange wir diese Umstände vermeiden, brauchen wir Wölfe nicht zu fürchten.“

Laut dem NINA-Report der norwegischen Universität aus dem Jahr 2021 sind in den vorangegangenen 18 Jahren in Nordamerika und Europa sowie Teilen Asiens 489 Menschen durch Wölfe zu Schaden gekommen, 77 Prozent davon durch tollwütige Tiere. Die allerwenigsten starben. „Manchmal töten Wölfe Menschen. Es ist trotzdem sicher, im Wald spazieren zu gehen. Mehr Eindeutigkeit ist nicht zu haben“, drückt es Autorin Petra Ahne aus.

Doch wenn ein renommierter Wissenschaftler wie Kotrschal, der seit Jahrzehnten das Verhalten von Wolf und Hund erforscht, auf Fakten hinweist, ist er mittlerweile ein rotes Tuch für Wolfsgegner. Genauso ergeht es Umweltorganisationen wie dem WWF oder auch der Verwaltung des Nationalparks Hohe Tauern, denen vorgeworfen wird, Wölfe regelmäßig freizulassen. Als wollten sie den Bauern absichtlich das Leben schwermachen. Als ob sie nichts anderes zu tun hätten.

In der Natur ausgerottet, in die Kulturlandschaft zurückgekehrt

Im Mühlviertler Dorf Schönau hat man Angst. Ein Wolf ist einer jungen Studentin über den Weg gelaufen und habe sie „angestarrt“, wurde berichtet. Die zeitgenössische Rotkäppchen-Geschichte ging gut aus: Die Frau tat das Richtige und wurde laut, woraufhin der Wolf von dannen zog. Die Landesregierung hat ihn dennoch zum „Risikowolf“ erklärt und zum Abschuss freigegeben. Der Bürgermeister meint, er würde derzeit nicht im Wald joggen, und im Dorf Sandl gehen die Kindergartenpädagoginnen nicht mehr mit den Kindern in den Wald. Wir sind in Mitteleuropa gewohnt, dass uns, der „Krone der Schöpfung“, der Wald allein gehört. „Es passiert etwas mit einer Landschaft, in der Wölfe leben“, schreibt Petra Ahne. „Ihre unsichtbare Anwesenheit ist wie eine leise Melodie, die die Stimmung verändert. Indem sie ihre Fremdheit und Ungreifbarkeit in den Wald unserer Spaziergänge tragen, machen sie aus ihm einen reicheren, geheimnisvolleren Ort.“ Für viele wird er zu einem Ort der Furcht, doch man könnte ihn auch als einen Ort sehen, „der den Menschen spüren lässt, dass hier eine größere Ordnung gilt als die, die er zu seinem Vorteil geschaffen hat; eine, die ihn vom Zentrum an den Rand rückt. Es sieht so aus, als müssten wir dieses Gefühl öfter zulassen, wenn wir eine Zukunft haben wollen. Der Wolf könnte uns dabei helfen.“

Wenn wir es mit einer ökologischen Lebensweise ernst meinten, ja, dann müssten wir vom Zentrum an den Rand rücken. Ein Wolf verhält sich völlig normal, wenn er auf seiner Wanderschaft durch Tallagen streift, wo natürlich alles dicht besiedelt ist. Er schaut sich manches gerne genauer an, geht den direkten Weg und macht keinen großen Umweg, nur weil wir die Landschaft fast komplett besetzt haben. Wenn man auf den Wolf trifft, ist er normalerweise der Erste, der das Weite sucht, beziehungsweise trifft man in der Regel gar nicht auf ihn, weil er wie unsichtbar ist. Er hat uns schon längst mit seinen feinen Sinnen wahrgenommen, während wir noch ahnungslos durch den Wald gehen.

Klar ist: Mit Kindern und Jugendlichen in die Natur zu gehen, ist wichtig, um eine Verbundenheit aufzubauen, die wesentlich dazu beiträgt, dass man sich ökologisch verhält. Denn was man nicht kennt und liebt, vermisst man nicht, wenn es verschwindet. Anstatt Experten einzuladen, die verunsicherten, unwissenden Menschen faszinierende Fakten über den Wolf erzählen könnten, hält man sich nicht an Fakten, sondern man gibt der irrationalen Angst nach: Die „Schonzeit für Problemwölfe“ sei nun vorbei, polterte ein Journalist einer Qualitätszeitung aufgrund des Vorfalls in Schönau. „Mensch und Wolf kommen einander immer näher. (...) Aber die nun sich mehrenden Konflikte dürften eigentlich keinen überraschen. Meister Isegrim wurde dereinst in einer großteils unberührten Natur ausgerottet und ist nun in eine von Menschenhand geformte Kulturlandschaft zurückgekehrt. Und damit wird es im Habitat für Mensch und Wolf mitunter eng.“ Einspruch: Der Wolf wurde nicht nur in „unberührter Natur“ ausgerottet, denn die Landschaft war bereits damals weitläufig bewirtschaftet. Wenn es keine Wildtiere in den Kulturlandschaften geben darf, dann verlieren wir viele Arten, weil es „unberührte Natur“ kaum noch gibt. Immer mehr Raum beansprucht der Mensch: 95 Prozent der Biomasse der landlebenden Wirbeltiere entfallen auf ihn und seine Nutztiere, nur noch fünf Prozent auf Wildtiere. Der Wolf braucht zudem die Wildnis nicht unbedingt, auch wenn wir uns das so vorstellen. Der Journalist beharrt: „Den Ökoromantikern sei ins Stammbuch geschrieben: Der Bestand wird sich nicht von Natur aus regeln.“ Dem unromantischen Journalisten sei ins Stammbuch geschrieben: Auch das ist wissenschaftlich falsch. Die Zahl der Wölfe regelt sich von selbst. Der Spitzenprädator Mensch ist mit seinen Waffen nicht nur ein Konkurrent, sondern, neben ansteckenden Krankheiten wie Räude oder Staupe, der Feind des Wolfes. Wenn die Zahl der Individuen steigt, werden zuerst die optimalen Reviere von Rudeln besetzt, dann auch die suboptimalen. Ist das ausgereizt, nimmt die Aggression innerhalb der Art zu. Wölfe töten sich gegenseitig.

Beim Wolf wird zuerst und am liebsten zur Flinte gegriffen, doch das ist nur kurzfristig eine Lösung: Aus den wachsenden Populationen rund um Österreich, Bayern und Südtirol wandern laufend Jungwölfe zu – dorthin, wo sich ein Revier anbietet –, und es zieht Wölfe an, wenn der Tisch mit gefüttertem, überhegtem, überzähligem Wild im Wald und ungeschützten Weidetieren reichlich gedeckt ist. Wenn man keinen Herdenschutz betreibt und immer wieder Einzeltiere erschießt, kann sich kein Rudel bilden, das ein weiträumiges Revier besetzen und es auch verhindern würde, dass weitere Einzelgänger zuwandern. Es reicht also nicht, dem Wolf nur Kugeln ins Fell zu jagen. Um ein für alle Mal Ruhe zu haben, müsste man das Tier wieder wie im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert hinein unerbittlich und obsessiv verfolgen, mit enormem Aufwand und grausam: Man müsste Gift und Fallen einsetzen sowie seine Beutetiere ebenfalls dezimieren.

Blendwerk für die romantische Seele

Doch die Intoleranz gegenüber anderen Lebewesen ist heute absurder denn je: Wir befinden uns mitten im sechsten Massenartensterben der Erdgeschichte, die Naturzerstörung schreitet weiter voran. Es verschwinden täglich Tier- und Pflanzenarten, und die noch bestehenden Wildtierpopulationen schrumpfen erheblich. Man könnte es in dieser ökologisch verheerenden Lage auch positiv sehen, dass sich eine Art erholt. Auch wenn es Konflikte gibt: Mammamia, möchte man ausrufen, es wird doch möglich sein, Lösungen zu finden, damit alle gut leben können, der Wolf, die Bauern, die Wanderer.

Seien wir ehrlich: Trotz aller Dringlichkeit geht es uns nach wie vor nicht um eine große ökologische Veränderung, rein profitorientierte Interessen sind uns wichtiger. Tiere und der Boden sind Ressourcen, die möglichst viel Ertrag liefern sollen. Nach wie vor dominiert eine intensive Landwirtschaft, die gegen ökologische Prinzipien arbeitet. Geht die jahrhundertealte Kultur der Almwirtschaft sukzessive verloren, ist das ohne Zweifel ein Verlust. Aber die Anzahl der Almen nimmt schon seit Jahrzehnten ab. Es fehlt ihr an Nachwuchs, sie rechnet sich nicht, weil bäuerliche Produkte nichts kosten dürfen. Außerdem wirtschaftet heute nicht jede Alm ökologisch. Bei der Vermarktung wird mit viel Blendwerk gearbeitet, um die romantische Seele anzusprechen. In den Bergen tummeln sich Rinder, die für das Gelände viel zu schwer sind. Oft weiden auf zu kleinen Flächen zu viele Weidetiere, die nicht durch einen Hirten gelenkt werden, was dem Boden mehr schadet als nutzt. Wiesen wurden und werden nicht nur von grasenden Nutztieren und mähenden Bauern freigehalten, sondern auch von Wildtieren. Die Landwirtschaft hat die Artenvielfalt durch den Erhalt von Wiesen erhöht, aber sie hat sie nicht „erfunden“. Wenn im Tal Kunst- dünger und Gift in großen Mengen eingesetzt werden, fragt man sich ohnehin: Wie hält es denn diese Landwirtschaft mit der Artenvielfalt?

Zahlen, die horrend sind

Viele Jäger wiederum sehen im Wolf nach wie vor einen Konkurrenten. Sie können sich nicht vorstellen, einen Wald zu haben, in dem sich die Abläufe natürlich regeln, und sie meinen, ohne Mensch gehe gar nichts. Und großteils geht es ja auch nicht um „Wald“, sondern um wirtschaftlich genutzte Plantagenforste. Fakt ist: Es gibt viel zu viel Wild, das den Jungwald schädigt, weil die natürlichen Feinde fehlen und das Wild gefüttert wird.

Und dann gibt es noch den Konflikt zwischen Stadt und Land: „Teddybär-Städter“ würden Schafhirten und Jägern erklären, wie sie mit dem Wolf umzugehen hätten, polemisiert ein Landbewohner. Da wird das verzerrte Bild der urbanen, romantischen Wolfsbefürworter gezeichnet, die keine Ahnung vom „harten Landleben“ hätten. Dass viele Naturschützer selbst vom Land stammen und aufgrund ihrer Kindheit so naturverbunden und engagiert sind, wird gerne ausgeblendet. Es passt nicht ins klare Feindbild. Umgekehrt ist es wichtig, Empathie auch für einen Bauern zu haben, der morgens seine Tiere gerissen auf der Alm vorfindet und sich über den Wolf entsetzt. Wirtschaftlicher Schaden ist entstanden, und wenn der Schutz des Wolfes wichtiger erscheint als seine Mühen, empfindet er das als eine Entwertung seiner Arbeit. Entschädigungen für Ausfälle sind gut und schön, aber dafür hält man keine Tiere, das ist entwürdigend. Trotzdem: Wenn Schafe gerissen werden, ist der Mensch schuld, weil er seine Tiere zu wenig geschützt hat. Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, Nutztiere allein zu lassen – sie waren viel zu wertvoll. Bauern sind laut Tierschutzgesetz dazu verpflichtet, ihre Nutztiere vor Naturgefahren zu schützen. Sie fallen nicht nur Beutegreifern zum Opfer, sondern werden auch durch Abstürze und Blitzschläge dezimiert, sie erleiden Verletzungen wie Laufbrüche, die lange unbemerkt bleiben. Verluste aufgrund dieser Faktoren gehen jährlich in die Tausende – absolut kein Vergleich zu den Wolfsrissen. In Rumänien haben Hirten natürlich auch keine Freude, wenn sich der Wolf trotz Herdenschutz Schafe holt, aber sie sehen die Risse als Tribut, den sie an die Natur zu zahlen haben.

Viele sehen im Wolf den Massenmörder, weil er so viele Schafe tötet, ohne sie zu fressen. Der Psychiater Reinhard Haller meint, kein Tierschützer könne ihm erklären, warum das Töten des Wolfes schwerer wiege als der grauenhafte Tod der „schweigenden Schafe und unschuldigen Lämmer“. Doch ich frage mich: Wo liegt der Unterschied zum Verhalten des Menschen? Ist es für Haller weniger grauenhaft, wenn der Mensch Tiere in Massenhaltung einsperrt, in Viehtransportern durch Europa karrt und im Schlachthof tötet? Und wie viel Fleisch landet im Müll? Der Mensch hat hier keine moralische Autorität. Wird dem Wolf eine ganze Herde ungeschützt und gewissermaßen auf dem Silbertablett serviert, ist diese Situation unnatürlich und er überreagiert wie der sprichwörtliche Fuchs im Hühnerstall.

Zum Schluss ein paar Zahlen, die wirklich horrend sind: Rund 20.000 Feldhasen und Wildkaninchen und mehr als 40.000 Rehe gehen nur in Österreich jährlich auf das Konto des Autoverkehrs. Dazu kommen ungezählte tote Vögel, Amphibien, Schlangen, Insekten. Und übrigens: Nur in Österreich werden jährlich rund 170.000 Schafe und 600.000 Rinder für unseren Fleischkonsum geschlachtet.

Vielleicht ist das Problem des Menschen auch damit gut erklärt, dass der Wolf uns in seinem Sozialverhalten, beim Töten wie bei der weltweiten Ausbreitung, in seiner Anpassungsfähigkeit und in seinem Opportunismus so verdammt ähnlich ist. Dass er uns uns einen Spiegel vorhält.

Literatur:

Petra Ahne: Wölfe. Ein Porträt. Matthes & Seitz 2016

Werner Bätzing: Homo destructor. Eine Mensch-Umwelt-Geschichte. Verlag C.H. Beck 2023

Michal Figura, Aleksandra Mizielinska, Daniel Mizielinski: Wölfe. Wahre Geschichten. Moritz Verlag 2023

Daniel R. Hendrick: Humans versus Nature. A Global Environmental History. Oxford University Press 2020

Kurt Kotrschal: Der Wolf und wir. Brandstätter Verlag 2021

Nationales Forschungsprogramm 48 „Landschaften und Lebensräume der Alpen“ des Schweizerischen National- fonds (Hrsg.): „Alpenvielfalt“. Schwerpunkt: Die Alpenlandschaft im Wandel, 2007

Previous
Previous

Für immer und ewig

Next
Next

Ein Fluss gräbt sich ein