Für immer und ewig
Gesundheitsbewusstes Leben ist längst ein gigantisches Geschäftsfeld geworden: Longevity. Der Megatrend will das Alter ausmerzen – und irgendwann den Tod selbst eliminieren.
Text: Eva Maria Bachinger, Foto: Matthias Schickhofer
Publiziert in Der Standard Album, Dezember 2025
Haben Sie heute schon ihre Biodaten getrackt und analysiert? Waren Sie auch schon Eisbaden und haben genügend Walnüsse gegessen? Wir sollen uns gesund ernähren, auf Nikotin, Alkohol, Zucker verzichten, regelmäßig schlafen und uns viel bewegen, Stress durch Meditation reduzieren, soziale Beziehungen pflegen. Das ist durchaus sinnvoll, denn die individuelle Lebensweise spielt eine große Rolle in Bezug auf Gesundheit und Lebensalter. Abgesehen vom eigenen Verhalten sind allerdings auch Veranlagung und Umweltfaktoren wie Umweltgifte, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherheit wesentlich.
Doch nun steht gefühlt auf jeder zweiten Hautcreme das Versprechen der Langlebigkeit. Manche Mediziner behaupten, wir könnten mindestens 150 Jahre alt werden, und noch einmal andere, wir müssten gar nicht sterben, wenn nur weiter intensiv geforscht wird. Yoga allein reicht da natürlich nicht mehr.
Angebliche Unsterblichkeit
Ein gigantischer Markt, ein Megatrend ist rund um den Begriff Longevity entstanden. Die Industrie der angeblichen Unsterblichkeit und ewigen Gesundheit mit Umsätzen von rund 600 Milliarden Euro pro Jahr floriert.
Die angebotenen Therapien muten teilweise futuristisch an, sie sind teuer und in ihrer Wirkung oft umstritten. Abgesehen von fast banalen Nahrungsergänzungsmitteln gibt es Mitochondrien-Infusionen, Kältekammern, Rotlichttherapien, Blutwäsche, Kammern mit reinem Sauerstoff. Die Technologien der Gentherapie und Genbearbeitung ermöglichen präzise Modifikationen der DNA, um Gene, die mit Alterungsprozessen oder altersbedingten Krankheiten verbunden sind, zu beeinflussen oder zu korrigieren. An Mäusen wird das getestet und offenbar gibt es positive Ergebnisse bei der Verlängerung der Lebensspanne. Die Erforschung von Anti-Aging-Medikamenten wird intensiv betrieben – und ist hoch dotiert.
Nun, das ist im Kapitalismus normal. Die unaufhörliche, gierige Suche nach immer neuen Märkten und Zielgruppen, um die Profite zu steigern, ist systemimmanent. Deshalb wird oft genug auch das erforscht, was profitabel ist. Die Mächtigen und Reichen dieser Welt investieren in die Longevity-Forschung. Manche wollen sich sogar einfrieren lassen, um wieder aufgetaut zu werden, wenn ein ewiges Leben hier auf Erden endlich Wirklichkeit geworden ist.
Ohne Rücksicht auf andere
Elon Musk, ungeheuerlich seine Ansichten und Projekte, unglaublich sein großer, überdrehter Narzissmus. Er soll über Hunderte Milliarden Euro verfügen, vergleichbar mit Haushaltsbudgets von Nationalstaaten. Zudem ist er überzeugt, dass eine niedrige Geburtenrate das Schlimmste sei was der Menschheit passieren könne. Vor allem aber scheint er zu glauben, dass es nicht genug von ihm und seinen Genen geben kann: Mit Hilfe von Mietmüttern soll er mindestens zehn Kinder haben. Sein höchster Wert ist die absolute individuelle Freiheit, ohne Rücksicht auf andere Menschen und Lebewesen. Elon Musk ist ist ein Phänomen unserer extrem ungleichen, kommerzialisierten Gesellschaft, die es zulässt, dass einzelne Menschen so abartig vermögend und mächtig werden können. Er ist die Spitze des Eisberges eines egoistischen, profitorientierten Denkens, das sich global ausgebreitet hat und alle Lebensbereiche umfasst. Auch der russische Machthaber Putin und der chinesische Diktator Xi haben vor kurzem darüber geplaudert, wie lange sie mit Hilfe der modernen Medizin leben könnten. Sie wollen uns offenbar noch länger an ihrem Machthunger teilhaben lassen.
Es ist eine immense Macht- und Geldfrage, wer länger leben kann: Nach Berechnungen der Weltbank liegt die durchschnittliche Lebenserwartung russischer Männer bei nur 68 Jahren, elf Jahre unter der entsprechenden Angabe für Österreich. Wer arm ist, lebt weder gesund noch lang, auch das ist eine Tatsache. Die Segnungen der Medizin und Technik gelten vorwiegend für eine bewunderte Elite, die die Massen am liebsten noch mehr beherrschen und ausbeuten und sich dabei von Demokratie und Rechtsstaat nicht stören lassen will. Longevity ist ein absolutes, abgehobenes Luxusthema, in einer Welt, wo andernorts Menschen jung sterben, weil es kein sauberes Trinkwasser gibt, kein Essen und weit und breit keinen Arzt.
Alles planbar, alles verfügbar
Wir erleben einen Trend, wonach der Mensch sich nicht nur als kreatives Wesen sieht, sondern als Schöpfer seiner selbst. Viele meinen, alles, wirklich alles ist mit Hilfe der Technik machbar und planbar. Man will sich partout nicht mehr nur auf Glück oder Zufall verlassen. In einer Konsumgesellschaft, in der alles planbar und verfügbar erscheint, muss schließlich auch alles machbar sein. Schließlich gilt: Wer will und genug Geld hat, der kann auch, am besten unbegrenzt. Cui bono? – das ist auch hier die entscheidende Frage. Wer profitiert? Ja, wohl die Pharmaindustrie, Kosmetik-, Fitness- und Schönheitsindustrie. Sie verdienen Milliarden mit unseren Illusionen.
Zu beobachten ist ein solches Denken auch schon länger im Bereich der Reproduktionsmedizin. In vielen Ländern nehmen diese Behandlungen enorm zu, schon längst nicht mehr nur aus medizinischen Gründen, sondern der Kinderwunsch von Erwachsenen steht im Vordergrund, ob alleinstehend oder in heterosexueller bzw. homosexueller Partnerschaft, egal in welchem Alter und unter welchen Bedingungen. Alle meinen ein Recht auf ein "eigenes" Kind zu haben. Dabei hat das niemand, sondern Kinder haben laut UN-Kinderrechtskonvention das Recht ihre Eltern zu kennen und – sofern möglich – von ihnen betreut zu werden.
Durch die moderne Medizin hat sich das Bild verfestigt, dass Frauen und Männer endlos Kinder bekommen könnten, längst nicht mehr nur mit In-vitro-Fertilisation, sondern auch mit Hilfe von Samen-, Eizellen- und Embyronenlieferant*innen, social egg freezing, Leihmutterschaft. Dass die Risiken für Fehlgeburten, Fehlbildungen, Frühgeburten, etc. für Mutter und Kind mit einem höheren Lebensalter der Frau bei Schwangerschaft und Geburt zunehmen, wird bagatellisiert. Letztlich steckt dahinter auch der Drang, nie zu alt dafür zu werden, sich im Nachwuchs verewigen und sich vermeintlich wieder jung fühlen zu können.
Kontrollwahn, Konsumzwang
Zunehmend versucht man auch den Nachwuchs nach seinen Vorstellungen zu schaffen, mit Hilfe von genetischer Auswahl und von Eizell- bzw. Samenbanken, wo man sich aussuchen kann, ob man lieber schwarze Augen oder lieber blonde Haare bei seinem Kind sehen möchte. So wie wir uns Kleider und Schuhe online bestellen, sucht man sich quasi sein zukünftiges Kind aus. Die Gesetze der Vererbung können andere Ergebnisse liefern als erwünscht. Was, wenn das Kind dann nicht den Vorstellungen entspricht – nach all dem zeitlichen und finanziellen, körperlichen und seelischen Aufwand?
Wir meinen so frei zu sein, aber mit dem Kontrollwahn und der Konsumhaltung unterliegen wir eindeutig äußeren Zwängen und sind alles andere als souverän. Es ist ambivalent: Einerseits ist der Körper, der bestimmten Normen entsprechen soll, zentral, andererseits finden Begegnungen körperlos, zunehmend nur noch virtuell statt. Eine feindselige Haltung gegenüber dem Körper hat sich breitgemacht: Alter, Behinderung, Unfruchtbarkeit, Tod – alle diese Zumutungen müssen weg. Doch die permanente narzisstische Kränkung, die Vergänglichkeit und die Hinfälligkeit, die realen Bedingungen des Lebens werden wir nicht los, weil wir Teil des Lebens sind, Teil eines Prinzips, das über uns steht. Der Tod ist die finale Grenze, für alle Lebewesen, die verschiebbar, aber nicht aufhebbar ist. Dass wir das aber trotzdem wie verrückt versuchen, ist die Grundlage für die herrschende Machbarkeitsideologie.Grenzen zu überschreiten, auch länger zu leben, ist eine Ur-Sehnsucht, ein tiefsitzender Antrieb des Menschen, verbunden mit ewiger Jugend und ewiger Gesundheit. Der Mensch ist das Lebewesen, das um seine Vergänglichkeit und Endlichkeit weiß und schon immer darüber nachgedacht hat, wie diese Tatsache zu umgehen ist. Wenn es nun aber kein Jenseits mehr gibt, dann muss alles im Diesseits passieren. Bei diesen wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen gibt es kein Genug, keine Zufriedenheit. Wenn nur der einzelne Mensch das Maß aller Dinge ist, dann darf es keine Grenzen mehr geben, weder moralische noch ethische Normen. Es darf keine Instanz mehr geben, keinen Gott, auch keine Göttin, keinen Staat, und schon gar nicht die Natur. Selbstverständlich ist das eine atemberaubende Illusion, denn angesichts von Naturkatastrophen, die aufgrund der großen Krisen in den Ökosystemen häufiger werden, wird uns immer öfter vorgeführt, wie klein, nichtig und fragil wir sind. Auch die vermeintlich Mächtigen sind letzten Endes Menschen, die sterblich und vergänglich sind. Geld lässt sie noch immer nicht essen.Noch mehr Druck
Verzicht ist negativ besetzt, obwohl es aufgrund der verheerenden ökologischen Situation längst an der Zeit wäre, sich in den reichen Ländern rein aus Gründen der vernunftbegabten Einsicht in die Folgen unserer Lebensweise zu mäßigen. Es ist sicher zu wenig, aus Prinzip gegen neue Technologien zu sein. Zu klären ist aber stets, wohin die Reise gehen soll. Welches Menschenbild wird forciert? Worauf haben wir ein Recht? Und wo gibt es Grenzen? Im Zweifel für die mühsam errungene Freiheit des Einzelnen, aber wo endet diese Freiheit? Technische Errungenschaften können natürlich ein Segen sein, aber was sind die Folgen davon? Sind wir naiv, wenn wir immer noch nicht wissen, was der Fluch von Technologien sein kann?
All diese Gedanken schieben wir zur Seite und sind weiter überzeugt, dass die Technik es schon richten wird, wie sie es schon seit jeher gerichtet hat. Jedoch haben wir die Folgen nicht mehr unbedingt unter Kontrolle. Nur weil bestimmte Technologien erlaubt sind, müssen sie nicht automatisch ethisch legitim sein. Grundfragen sind letztlich nicht allein durch Gerichtsurteile und Studienergebnisse zu lösen. Es ist wichtig, stets eine Balance zwischen Freiheit und ihren Grenzen zu suchen. Abwägen und Widersprechen sind kulturelle Errungenschaften und ein unverbrüchlicher Schatz der Aufklärung. Es kann keinen Weg zurück zu absoluten, moralischen Instanzen geben. Das gegenwärtige Drama besteht darin, dass wir mit diesem freien Geist nicht umgehen können. Er paart sich mit Konsumdenken und Eigennutz. Wesentlich wäre, eine ethische Haltung zu entwickeln und zu erkennen, wann Grenzen erreicht sind. Ein Nachdenken darüber, ob wir kurz oder lang leben, wäre dann obsolet.
Die Praxen von Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen quellen jetzt schon über, der Ruf nach mehr Pädagog*innen und Sozialarbeiter*innen wird immer lauter. Wie vertragen und ertragen wir, wenn noch mehr Druck auf den Einzelnen aufgebaut wird, noch optimaler, gesünder, schöner und länger zu leben?
Der Longevity-Ansatz ist eine ausschließlich menschenzentrierte Sicht auf die Welt. Wie geht es jenen, die bereits jetzt am Rande stehen, wenn man bedenkt, dass wir uns im sechsten Massenartensterben der Erdgeschichte befinden und der Mensch und seine Nutztiere laut einer Studie der Nature Communications 95 Prozent der Biomasse der landlebenden Wirbeltiere ausmacht? Nur fünf Prozent entfallen auf Wildtiere. 1850 lag die Biomasse wilder Säugetiere bei 50 Prozent. Wo haben Wildtiere Platz und Zugang zu Ressourcen, wenn der privilegierte Mensch in seinem Größenwahn meint, ohne sie auskommen zu können, und nur daran interessiert ist, selber möglichst lange zu leben und alles aus allen natürlichen Ressourcen herauszupressen?
Wir alle wollen alt werden
Wir wollen alle alt werden, aber nicht alt sein. Wie gehen wir mit den Alten um, wie und wo leben sie, wie oft verbringen wir Zeit mit ihnen? Und wo sollen dann alle hin, wenn alle länger leben und nicht mehr sterben? Pensionsantritt mit 85? Wer beschäftigt diese Menschen in einer Gesellschaft, in der bereits heute die mit Mitte 50 als zu alt gelten?
Es ist mit Sicherheit nicht nur bei jungen Menschen zu beobachten, dass unser Verhalten kühl berechnend, nüchtern, sehr pragmatisch geworden ist. All die Vorgaben, die einzuhalten sind, all die angewandte Technik, für viele fühlt sich das unglaublich stressig und einschränkend an. Wo bleiben die Leidenschaft, die Freude und das Bewusstsein, dass vieles erst deshalb einen so tiefen Wert bekommt, weil es nun einmal vergänglich und endlich ist?
Der Mensch, scheinbar entkoppelt von allen anderen Lebewesen, nur auf sich bezogen, kann keine Zukunft in einem System haben, wo alles miteinander aufs Engste verbunden und voneinander abhängig ist. Der Mensch existiert in einer Welt, die Störung, Verwandlung und Neubeginn kennt. Nichts ist hier von Dauer, alles unterliegt der Veränderung.
Unabhängig von der jeweiligen religiösen Vorstellung von einem ewigen Leben gilt wohl, was der britische Naturschriftsteller Robert Macfarlane im Buch Karte der Wildnis schreibt: "Wir werden uns gewahr, dass wir aus nichts anderem als endlos wandelbarer Materie bestehen – aber auch immer in irgendeiner Form weiter existieren. Dieses Wissen beschert uns eine Art minimalistischer Unsterblichkeit. Wir begreifen, dass unsere Körper einem endlosen Kreislauf von Auflösung und Neugestaltung angehören." (Eva Maria Bachinger, 28.12.2025)