Die Erde erträgt uns

Text: Eva Maria Bachinger, 2023

Nach einer Wanderung am Vormittag liege ich mittags an einem Sommertag auf einer Wiese. Die Blätter der Bäume rascheln im Wind, das trockene Gras sticht. Die Erde trägt mich. Ich spüre den festen Untergrund, auf dem ich liege. Ich habe ein Reh, das sich auch in den Schatten der Bäume zur Mittagsruhe gelegt hat, aufgestöbert. Es blieb kurz stehen, sah mich prüfend an und entschied sich dann doch zur Flucht. Reh, entschuldige bitte, ich wollte dich nicht stören.

Die Erde erträgt uns. Noch immer. Denn der Mensch stört gewaltig. Nicht der Mensch an sich, denn wir sind Teil der Natur. Die Natur hat uns genauso hervorgebracht wie das Reh. „Der Mensch ist nicht mehr als ein Mitbürger in einer Republik der Lebendigen, zu der auch Pflanzen, Tiere, Steine, Wolken und Sterne gehören“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han. Doch unsere Maßlosigkeit, unser Unterwerfungs- und Herrschaftsanspruch nimmt allen anderen Lebewesen die Luft zum Atmen, den Raum zum Leben. Auch uns selbst, denn wir schaufeln uns selbst das Grab, indem wir die Natur ausbeuten, nur für unsere Zwecke nutzen, ohne an Morgen zu denken, für unser bequemes Leben, abgefedert und abgesichert. Es ist ein weichgespültes, eingelulltes Konsumleben, wie kleine Kinder wollen die Wohlhabenden dieser Welt sofort immer alles haben. Es ist ein Skandal, wenn nicht alle alles sofort kaufen können. Wir sind so viele, und in Anbetracht der Tatsache, wie viele wir sind, sind wir als Spezies zu maßlos, ein gieriges Prothesenwesen, das immer infantiler wird und immer noch davon ausgeht, es sei die Krone der Schöpfung.

Der Mensch braucht wie jedes Lebewesen die natürlichen Lebensgrundlagen für sein eigenes Überleben, er ist auf Gedeih und Verderb auf die lebendige Natur angewiesen. Er kann sich de facto nicht über die Natur stellen, denn alle Eingriffe fallen auf ihn zurück. Die Nutzung der Natur durch den Menschen muss also nicht wie derzeit nachhaltig destruktiv sein. Wenn er sich für die genutzte Natur verantwortlich fühlt, muss die Veränderung einer Naturlandschaft nicht zwangsläufig zur Verschmutzung und Zerstörung führen. Doch in dem Fall denkt ein Mensch langfristig und über sich hinausgehend. Meistens sind die unmittelbaren Folgen für die Geldbörse jedoch wichtiger als die langfristigen ökologischen Schäden.

Die Natur wurde in der Menschheitsgeschichte zunehmend als Objekt betrachtet, der Mensch wurde zum Ausbeuter. Es haben sich die Ziele verändert: Lange Zeit galt es die Selbstversorgung sicherzustellen bzw. Geld zu haben, um notwendige Güter kaufen zu können, die man selbst nicht erzeugen konnte. Diese Ausrichtung wurde abgelöst vom Anspruch auf grenzenloses Wachstum um der Geldvermehrung willen. Mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert nahm dann die massive Nutzung fossiler Rohstoffe ihren Anfang. Etwa seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich die Industriegesellschaft zunehmend in eine hochspezialisierte, neoliberale (Dienst-)Leistungsgesellschaft gewandelt, mit immer mehr Techniken der Massenproduktion und des Massenkonsums, die es vorher so nicht gegeben hat. Auch die Landwirtschaft ist seit den 60er Jahren den Prinzipien des Kapitalismus unterworfen, mit massivem Einsatz von Kunstdünger, Gift, schweren Maschinen und industrieller Massentierhaltung, um maximalen Ertrag zu erwirtschaften. Die kurzsichtige, profitorientierte Ausbeutung der Natur führt seitdem nicht nur wie früher zu lokalen, sondern zu globalen und langfristig wirkenden Zerstörungen von Ökosystemen. Die Natur wird als beliebig und unendlich nutzbare Quelle von Energie und Rohstoffen angesehen, als Material, das nur für den Menschen da sei. Es fehlt der Respekt, die Ehrfurcht für die Erde.

Die Dynamik der grenzenlosen Produktion und des unendlichen Konsums führt uns an planetare Grenzen und zu unserer eigenen Zerstörung. Ungeachtet dieser Situation herrscht eine Technikgläubigkeit und ein Machtbarkeitsdenken vor, das uns suggeriert, für alle ökologischen Desaster eine technische Lösung zu haben. Technik kann durchaus helfen viele Abläufe effizienter und ökologischer zu machen, doch letztlich ist es eine Selbstüberschätzung, dass systemimmanente Naturzerstörung sich dadurch in Luft auflöst. Es ist absurd zu meinen, dass wir die Probleme, die durch menschliches Handeln verursacht werden, nur mit Hilfe von technologischen Lösungen meistern. Wir sehen noch immer nicht wirklich, dass unsere Lebensweise enorme Naturzerstörung voraussetzt und einer grundlegenden Änderung bedarf. Es liegt nicht daran, dass wir es nicht wissen, sondern wir verschieben, verdrängen, bagatellisieren und wollen bequeme Gewohnheiten nicht ändern. Wir meinen, alles unter Kontrolle und im Griff zu haben, und merken nicht, in welch geringem Ausmaß das tatsächlich der Fall ist. Wir setzen Prozesse in Gang, über deren Verlauf und Ausgang wir keine Kontrolle mehr haben.

Wir leben so, als ob wir die Natur nicht existenziell bräuchten, als ob wir alles aus uns heraus erschaffen könnten. Natur - oder was wir dafür halten - dient nur unserem exzessiven Verbrauch, bestenfalls noch zur Verschönerung bei Wochenend-Ausflügen oder im Urlaub. Unser Leben, unsere Wirtschaftsweise ist tatsächlich sehr naturfern. Die moderne Gesellschaft ist sehr fragil und verwundbar. Unser Leben hängt existenziell und unabdingbar von den natürlichen Lebensgrundlagen der Erde ab, und sie werden durch die maßlose Lebensweise besonders der Wohlhabenden dieser Welt zerstört. Die moderne Gesellschaft ist nicht nur auf die Erdgeschichte, sondern auch auf die kurze Menschheitsgeschichte bezogen, lächerlich jung, nur einige Jahrzehnte alt und wird - wenn wir so weitermachen wie bisher - auch nicht alt werden.

Um unsere Bedeutung als Lebewesen hier auf Erden zu verdeutlichen, sei erinnert: Der Planet Erde ist 4,5 Milliarden Jahre alt, die ersten Säugetiere traten vor 240 Millionen Jahre auf und Homo Sapiens ist hingegen nach neuersten archäologischen Funden etwa 300.000 Jahre alt. Die moderne Lleistungsgesellschaft ist in diesem Zeitgeschehen ein Pieps, ein Wimpernschlag. So wichtig wie viele glauben zu sein, sind wir sicher nicht. Die Erde ist die längste Zeit ohne uns ausgekommen und wird auch gut ohne uns aufkommen. Eines ist gewiss: Die Natur wird es regeln, ob uns das gefällt oder nicht, ist nicht relevant. Und doch: Unfassbar, dass die moderne Gesellschaft dennoch fähig zu sein scheint, jahrtausendealte Arten auszurotten, abertausende Jahre alte Ökosysteme nachhaltig zu devastieren. Der Mensch ist tatsächlich fähig, als einzige Art selbst für ihre Auslöschung zu sorgen.

Die Meeresschildkröte hat sich vor 110 Millionen Jahre von der Land- und Süsswasserschildkröte entwickelt. Vieles, aber auch der viele Plastikmüll im Meer, wird ihr nun zum Verhängnis, erzählt mir eine Frau, die sich zunehmend verzweifelt für den Schutz der Meere einsetzt. Täglich fährt sie mit Fischern raus auf den Atlantik und sammelt Müll ein. Oft hat sie dabei auch Schildkröten entdeckt, mit abgeklemmten, abgestorbenen Gliedern. Denn verfängt sich eine Schildkröte in ein Plastiknetz oder eine Plastikfolie, dreht sie sich in Panik immer mehr ein und klemmt ihre Füsse ab. Sie kann sich selbst nicht mehr befreien und geht häufig auch elendig zugrunde. „Die Schildkröte hat Millionen von Jahren überlebt, Naturkatastrophen, die Dinosaurier, und dann kommt Homo sapiens und macht ihr die Hölle heiß“, sagt die Aktivistin. „Wofür ist Homo sapiens eigentlich gut“, fragt sie. Ich habe darauf keine Antwort.

Ein großes spanisches Fährschiffunternehmen unterstützt Projekte zum Schutz der Meeresschildkröten und Müllsammelaktionen an Stränden durch Jugendliche. Löblich. Doch auf den Schiffen werden ungesunde Softdrinks und Fastfood verkauft, in Plastikflaschen, Plastikfolien, in möglichst aufwändiger Verpackung. Trotz aller Berichte und Umweltbildung machen fast alle weiter mit: Die Passagiere stellen sich an und kaufen ein, ob wirklich hungrig oder einfach nur aus Langeweile. Während sie essen und trinken und den Müll, teilweise wenigstens, in Abfalleimer entsorgen, schauen sie sich auf den unzähligen Bildschirmen an Bord die Videos mit geretteten Schildkröten und eingesammelten Plastikflaschen an. Wirklich gut für die Schildkröten, das Meer und den Strand wäre, wenn wir nicht so viel Verpackung produzieren und konsumieren würden.

Man könnte noch unendlich viele solcher Beispiele anführen. Es zeigt, dass Naturschutz in unserem Wirtschaftssystem Sisyphusarbeit ist und niemals wirklich sein Ziel erreicht. Es ist ein Feigenblatt, um grundsätzlich nichts ändern zu müssen, ein Trostpflaster im Desaster. Die Ausbeutung der Natur schreitet munter voran, bis an alle Grenzen. Naturschutz hat daran substanziell nichts geändert. Diese Entwicklung kann nicht dadurch gestoppt werden, dass die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Natur durch Umweltschutz abgemildert werden oder dass ein kleiner Teil der Erde in strengen Schutzgebieten nicht genutzt wird. Sondern es muss das unbegrenzte Wachstum in einer begrenzten Welt begrenzt werden. Wir müssen uns nicht nur in Schutzgebieten ökologisch richtig verhalten, sondern auf allen Flächen. Naturschutz ist sonst nur ein Feigenblatt, damit das kapitalistische System nicht gar so lebensfeindlich und brutal wirkt. Auch wenn Umweltschutz regional oft gewirkt hat, wurde in Wahrheit der Schmutz nur in andere Weltregionen verschoben.

Es wirkt schizophren: Denn Klimaforscher und Ökologen weisen seit langem darauf hin, dass es nicht möglich ist, die Wirtschaft weiterhin auf grenzenloses Wachstum auszurichten. Zur selben Zeit beschwören Politiker und Wirtschaftsexperten die Notwendigkeit der Ankurbelung des Wachstums, sonst drohe Wohlstandsverlust. „Diese Antwort ist durch die Klimakatastrophe obsolet geworden. Mehr Wachstum, mehr Ausbeutung und mehr Dominanz menschlicher Interessen führen nicht mehr zu Wohlstand, Freiheit, Sicherheit oder Kontrolle, sondern zunehmend zu unkontrollierbaren Entwicklungen, zum Anstieg der Ozeane und der Veränderung ganzer Wettersysteme, zu Naturkatastrophen wie Orkanen, Hitzewellen, Überflutung, Versteppung und Dürre bis hin zur Migration von Millionen von Menschen und anderen Lebewesen auf der Suche nach Überleben“, betont der Autor Philipp Blom. In tagesaktuellen Interviews hinterfragen Journalisten das Mantra vom Wachstum dennoch meistens nicht, es wird nicht in den derzeitigen ökologischen Kontext gesetzt.

Ich frage mich: Womöglich droht Wohlstandsverlust, aber welche Art von Wohlstand verlieren wir? Was ist dieser Wohlstand wert, wenn er auf der Zerstörung der Lebensgrundlagen basiert? Oft heißt es auch, Naturschutz gut und schön, aber er darf nicht auf Kosten des Wirtschaftswachstums gehen. Das sagt alles.

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