Social Egg Freezing ist eine unsoziale Lösung
Text: Eva Maria Bachinger
Publiziert in Der Standard, Oktober 2025
Ab 2027 dürfen alle Frauen in Österreich Eizellen einfrieren. Der Gesetzgeber sollte sich genau überlegen, wie er die Regelung umsetzt. Eine Altersgrenze und ein Werbeverbot wären höchst sinnvoll.
Die höchstgerichtliche Aufhebung des Verbots des sogenannten Social Egg Freezing wird fast durch die Bank begrüßt. Manche meinen naiv sogar, dass sich dadurch die Geburtenrate erhöhen würde. Der Druck auf Frauen erhöht sich garantiert, nämlich zuerst noch dies und jenes zu machen und später Kinder zu bekommen. Medizin und Technik werden es schon richten, ist doch so einfach, oder?
Auffällig oft wird in der Reproduktionsmedizin einiges verklärt: So wie der Begriff „Spenden“ irreführend ist - denn diese „Spenden“ werden finanziell entschädigt, vor allem Eizellenspenden von einkommensschwachen Frauen - so wenig „sozial“ ist das Einfrieren von Eizellen. Im Sinne einer besseren Gesellschaftspolitik, die Frauen es frei entscheiden lässt, ob sie beruflich reüssieren und/oder Kinder bekommen, ist es sogar äußerst unsozial, weil sie auf eine technische Lösung der widrigen Umstände verwiesen werden.
Ich habe ein Urteil des Verfassungsgerichtshofs natürlich zu respektieren, erlaube mir aber dennoch, bei meiner kritischen Meinung zu bleiben. Ja eh, großartig, dass dadurch die Selbstbestimmung der Frau erweitert wird. Allerdings dürfen wir uns auch ganz selbstbestimmt die Lippen aufspritzen und den Busen aufpolstern, um zwar nicht einzigartig zu bleiben, aber einer seltsamen Norm zu entsprechen.
Es ist mir ein Anliegen auf Fakten hinzuweisen, damit der Gesetzgeber bis 2027 vielleicht eine sinnvolle Regelung erlässt. Denn es herrschen derzeit völlig falsche Vorstellungen. Bei Reproduktionsmedizinern tauchen vor allem privilegierte Frauen Ende 30 auf, die sich noch ihre Eizellen einfrieren lassen wollen. In diesem Alter sind oft mehrere Runden massiver hormoneller Stimulierung nötig, um eben nicht nur eine Eizelle zu produzieren, sondern dutzende Eizellen für ein Depot zu erhalten. Das kann mehr als 10.000 Euro kosten, pro Jahr kommen bis zu 400 Euro Lagergebühr hinzu.
Eizellen einzufrieren und erfolgreich aufzutauen ist schwieriger als bei Embryonen. Sie sind fragiler, auch wenn sich die Methoden verbessert haben. Eine 42-jährige Frau braucht zudem mindestens 20 Eizellen, um eine nur zehnprozentige Wahrscheinlichkeit für ein Kind zu haben. Wenn man weiß, dass die Eizellenqualität, die durchschnittliche Fruchtbarkeit ab 35, spätestens ab 40 rapide abnimmt, und gleichzeitig die Risiken einer Schwangerschaft und Geburt zunehmen, kann man sich vorstellen, wie sinnlos es ist, in dem Alter noch Eizellen einzufrieren.
Es braucht also unbedingt faktenbasierte Altersgrenzen für die Methode. Idealerweise sollte Egg Freezing in den 20ern erfolgen und bis spätestens 35, maximal 38 abgeschlossen sein. Wenn sich die Frau später mit Hilfe der eingefrorenen Eizellen zu einem Kind entschließt, ist ja auch noch eine künstliche Befruchtung nötig, die eine Belastung für Körper und Seele darstellt. Je älter eine Frau ist, desto geringer sind die Wahrscheinlichkeiten schwanger zu werden oder überhaupt ein Kind zu bekommen. Das ist die Realität, die kitschigen Bilder von Hollywoodstars in den späten Vierzigern, die noch ein Kind bekommen, sind die Ausnahme. Dass Cameron Diaz und andere prominente Frauen häufig auf Eizelllieferantinnen zurückgreifen, wird oft nicht erwähnt, höchstens wird verraten, dass sie sich ganz oligarchisch eine unterprivilegierte Mietmutter geleistet haben, um den Risiken und Mühen einer Schwangerschaft und Geburt zu entgehen.
Nötig ist zudem ein starkes Kommerzialisierungs- und Werbeverbot. Das Geschäft mit dem innigen Kinderwunsch floriert ohnehin bestens, man muss es nicht noch mehr befeuern. Egg Freezing ist für die Kliniken ein netter Verdienst mit wenig Aufwand, sie suggerieren „Sicherheit“, „Machbarkeit“ und „Planbarkeit“, was leider oft absurd ist.
Bei der Reproduktionsmedizin geht es stets in erster Linie um die Freiheitsrechte von Erwachsenen. Man ist bemüht, diesen Grundrechten nachzukommen, um nur ja nicht als streng religiös oder stramm konservativ zu gelten. Wenn in der Kinderwunschindustrie auf der Suche nach neuen Märkten und Zielgruppen nicht an die Folgen für die daraus entstehenden Kindern, an ihre Rechte und Bedürfnisse gedacht wird, dann wenigstens bei politisch Verantwortlichen. Ein Beispiel: Seit 2015 warten junge Erwachsene darauf, dass in Österreich ein Versprechen eingelöst wird: die Einrichtung eines zentralen Registers für sogenannte Samenspender und Eizellenspenderinnen. An mich wenden sich immer wieder junge Menschen, die gut ihr Leben meistern, aber ruhelos auf der Suche nach ihrer Identität sind. Sie scheitern kläglich, von den Kliniken, aber auch von staatlichen Stellen, Auskunft zu bekommen, und fühlen sich nicht ernst genommen. Ihr Wunsch wird belächelt und bagatellisiert. Es bedarf enormer Hartnäckigkeit, tausender Euro für Anwälte, damit sie zu ihrem Grundrecht auf Kenntnis der eigenen Abstammung, verankert in der UN-Kinderrechtskonvention und in der Europäischen Menschenrechtskonvention, kommen. Man könnte sich in diesem Zusammenhang auch für Kinderrechte engagieren. Es sollte endlich selbstverständlich sein, dass junge Erwachsene auf einfache Weise erfahren dürfen, wer ihre genetischen Eltern sind.
Eva Maria Bachinger ist Journalistin und Autorin. Zuletzt unter anderem erschienen: „Kind auf Bestellung“ Deuticke, 2015