Die Frau, die überlebte

„In allem, was im Leben geschieht, steckt Weisheit.“ Auf ihrer Flucht über das Meer hat Doaa Al Zamel unbeschreiblichen Horror erlebt. Nun blickt sie nach vorn.

Eva Maria Bachinger, Fotos: Johannes Zinner, Publiziert in Salzburger Nachrichten 2025

Doaa Al Zamel hat überlebt: Nach dem Ausbruch des Bürgerkriege in Syrien flieht die damals 16-Jährige mit ihrer Familie nach Ägypten. Nach drei schwierigen Jahren in prekären Jobs und ohne Bildungsperspektive bezahlen sie und ihr syrischer Verlobter Bassem 2014 Schlepper, um nach Europa zu gelangen. Während der Überfahrt nach Griechenland wird ihr Boot von Kriminellen absichtlich gerammt: 500 Menschen sterben, sie ertrinken oder geraten in die Schiffsschraube.

Bassem findet – bevor er vor ihren Augen ebenfalls ertrinkt – für Doaa einen Ret- tungsring, wodurch sie schließlich auf See überlebt. Ertrinkende Eltern haben Doaa zwei kleine Mädchen, Malak und Masa, anvertraut, für die sie vier qualvolle Tage lang durchhält. Schließlich werden sie von einem Handelsschiff aus dem Meer gerettet. Zu spät für Malak: Sie stirbt kurz nach der Rettung. Doaa und die kleine Masa überleben, mit viel medizinischer Hilfe und Unterstützung in Griechenland. Schweden erklärt sich schließlich nach einem Jahr Warten bereit, Doaa Asyl zu gewähren und ihre Eltern und einen Teil ihrer Geschwister aus Ägypten nachzuholen. Doaas Geschichte steht für das Schicksal von mehr als 120 Millionen Flüchtlingen weltweit.

Doaa lebt nun in Hammerdal in Schweden. Für die SN stand sie für ein Interview zur Verfügung. Über das Trauma ihres Martyriums kann sie noch nicht sprechen. Sehr wohl aber über die Dinge, die jetzt für sie Bedeutung haben.

SN: Wie ist für Sie das Leben in Schweden, so weit im Norden, so anders als in Syrien?

Al-Zamel: Schweden unterscheidet sich sehr von Syrien, daher fand ich anfangs alles schwierig. Das Erlernen der Sprache, das Verstehen und Respektieren der schwedischen Kultur haben mir jedoch das Leben erleichtert. Syrien und Schweden unterscheiden sich in fast allen Aspekten. Jedes Land hat seine eigene Kultur und sine Vor- und Nachteile.

SN: Fühlen Sie sich dort jetzt zu Hause?

Al-Zamel: Anfangs hatte ich trotz der Schwierigkeiten, mit denen ich konfrontiert war, dieses Gefühl. In den vergangenen zwei Jahren fühle ich mich jedoch nicht mehr sicher. Leider hat der Rassismus zugenommen und ich habe auch meinen Job verloren.

SN: Was haben Sie nach Ihrer Ankunft gemacht und was machen Sie jetzt?

Al-Zamel: Ich habe Schwedisch gelernt und auch jahrelang als Lehrassistentin gearbeitet. Nachdem ich meinen Job verloren hatte, beschloss ich jedoch, Englisch zu lernen und mich mehr auf Modedesign zu konzentrieren. Ich möchte meine Karriere in diesem Bereich fortsetzen, zusätzlich zu meiner Arbeit als Motivationsrednerin und Menschenrechtsbotschafterin.

SN: Wozu möchten Sie Menschen motivieren?

Al-Zamel: Ich möchte Menschen dazu ermutigen, zu lesen oder immer weiter zu lernen, sie motivieren, ihre Talente zu entdecken und sie dazu anregen, neue Dinge auszuprobieren, anstatt in ihrer Komfortzone zu bleiben, sich ihren Ängsten zu stellen. Ich möchte dazu motivieren, sich ehrenamtlich für andere zu engagieren, eine Kultur der Hilfsbereitschaft und Zusammenarbeit statt negativer Konkurrenz zu fördern.

SN: Was ist aus Ihrer Sicht wichtig für eine erfolgreiche Integration?

Al-Zamel: Die wichtigsten Faktoren sind gegenseitiger Respekt für die Kultur des anderen und Kommunikation. Das Erlernen der Sprache ist der Schlüssel zur Integration, um eine Beschäftigung zu finden und zum Aufbau von Beziehungen.

SN: Sie haben auf der Flucht nach Europa traumatische Erfahrungen gemacht. Was hat Ihnen geholfen, weiterzumachen?

Al-Zamel: Schmerzhafte Erfahrungen haben mich stärker und achtsamer gemacht – was mir geholfen hat, durchzuhalten. Ich glaube fest daran, dass Gott mich diese Erfahrungen durchleben ließ, um mich stärker zu machen. In allem, was in unserem Leben geschieht, steckt Weisheit, und ich habe angesichts von Schwierigkeiten nie aufgegeben. Ich habe mich meinen Ängsten gestellt und sie akzeptiert.

SN: Sie haben sich Ihrer Angst vor dem Wasser gestellt, was eine Leistung ist, wenn man ihre Fluchtgeschichte bedenkt.

Al-Zamel: Ja, ich habe mich meinen Ängsten gestellt, aber leider habe ich immer noch nicht schwimmen gelernt und ich habe immer noch Angst vor dem Meer. Ich habe nie auf- gegeben und tue es auch jetzt noch nicht, egal wie sehr ich mich vor dem Meer fürchte. Aber ich habe beschlossen, von dieser Angst nicht mein Leben bestimmen zu lassen. Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz der Angst weiterzumachen. Ich hoffe, dass ich eines Tages eine gute Schwimmerin werde.

SN: Sind Sie jemals nach Syrien zurückgekehrt, wie Sie es sich wünschen?

Al-Zamel: Nein, denn nach der Zerstörung durch Baschar Al-Assad und seine Gefolgsleute habe ich dort kein Zuhause und keine Arbeit mehr. Leider braucht das Land sehr viel, um sich erholen zu können. Aber ich werde auf jeden Fall eines Tages zurückkehren, glücklich und sehr stolz darauf, dass Syrien frei und sicher nach den schwierigen Jahren geworden ist.

SN: Sie mussten zuerst Ihre Eltern und einen Teil Ihrer Geschwister in Ägypten zurücklassen. Schließlich wurde eine Familienzusammenführung in Schweden ermöglicht. Wie geht es Ihrer Familie heute?

Al-Zamel: Meiner Familie geht es gut, aber ich bin traurig, weil ich nicht mit allen von ihnen zusammen bin. Ein Teil meiner Familie lebt in Schweden, aber ich habe eine Schwester, die in Dubai lebt. Eine weitere Schwester lebt mit ihren Kindern in Jordanien. Die Situation ist schwierig, ich wünschte, ich könnte etwas tun, um uns alle dauerhaft zusammenzubringen.

SN: Was sollte die Europäische Union Ihrer Meinung nach im Bereich Asyl und Integration verändern?

Al-Zamel: Die EU könnte Asylverfahren beschleunigen, sich auf Integration konzentrieren, in Bildung und Beschäftigung investieren und vor allem Hassreden und Diskriminierung bekämpfen. Man könnte Sensibilisierungskampagnen starten, um ein positives Bild von Flüchtlingen zu fördern. Unterstützung für verantwortungsbewusste Medien und von lokalen Projekten, die das Zusammenleben und Erfolgsgeschichten hervorheben, wäre gut. Wir sollten Vielfalt als Stärke anerkennen. Es ist ein strategischer Vorteil für Europa, insbesondere angesichts seiner alternden Bevölkerung. Flüchtlinge sind nicht nur eine „Belastung“, sie tragen zur Wirtschaft bei und bringen neue Erfahrungen und Kulturen mit. Die EU muss vom Krisenmanagement zum Aufbau einer gemeinsamen Zukunft übergehen.

Buch: Melissa Fleming: Doaa – meine Hoffnung trug mich über das Meer. Knaur-Verlag 2017.

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