Zu viele Bären? Zu wenig Platz!
18.000 Braunbären gibt es in Europa, in manchen Regionen wächst die Population. Zu sehr, finden manche – auch in Österreich. Ein Essay über wenige Bären, viele Konflikte und das Artensterben.
Text: Eva Maria Bachinger, Foto: Matthias Schickhofer
Publiziert in Der Standard, August 2026
Im Nachmittagslicht steige ich in den Cottischen Alpen im Piemont immer höher. Als es bereits dämmrig ist, komme ich in einen Edelkastanienwald. Die ersten Sterne funkeln am nachtblauen Himmel, ein Waldkäuzchen ruft. Ich stelle schnell mein Zelt auf. Die Stimmung ist friedlich und ruhig. Mitten in der Nacht wecken mich schwere Schritte, die leise näher kommen. Intuitiv weiß ich, dass es weder Hirsch noch Wildschwein sein kann. Sie hören sich anders an. Es ist wohl auch kein Mensch, hier, mitten im Wald, um diese Zeit. Ja, natürlich, wird mir klar, überall liegen Kastanien auf dem Boden und sind ein Leckerbissen für Wildtiere. Ich rutsche tiefer in meinen Schlafsack, mein Puls schlägt trotzdem höher und ich überlege, das Tier da draußen, es ist groß, ist es vielleicht ein Bär? Ich lausche gebannt. Ich wage es nicht, den Reißverschluss aufzumachen, um hinauszuschauen. Vielleicht erschrecke ich ihn. Nach einer für mich ziemlich langen Weile entfernen sich die Schritte. Am Morgen suche ich den Boden nach Spuren ab, aber die Erde ist trocken, ich finde keine. Später fragen mich viele, hattest du keine Angst? Nein. Meine Sinne waren zwar auf Hochspannung, aber ich blieb ruhig. Letztlich überwog das Gefühl des Respekts. Wenn ich mir nun Fotos vom Braunbären ansehe, wird mir mulmig bei der Vorstellung, dass möglicherweise ein so mächtiges Tier bei meinem Zelt war.
Die Expertengruppe „Large Carnivore Initiative“ schätzt, dass es in Europa 18.000 Braunbären gibt, die meisten in Skandinavien und in den Karpatenländern. In Mitteleuropa wurde der Braunbär durch Bejagung und Verlust von Naturräumen ausgerottet. Vor mehr als 25 Jahren brachte man von der wiederangesiedelten Population in Slowenien zehn Individuen ins Trentino. Die Gruppe hat sich mit rund 100 Bären gut entwickelt. Viele meinen zu gut. Die Bären leben in unmittelbarer Nähe von Menschen, nicht wie in Kanada oder Russland in abgelegenen Gebieten. Groß und mächtig ist ein Braunbär, aber er wirkt auch gemütlich und behäbig, obwohl er das keineswegs ist. Läuft man vor ihm davon, hat man keinerlei Chance: Der Europäische Braunbär ist trotz seines Gewichtes von bis zu 300 Kilo mit rund 50 km/h einfach schneller. Der brummende Teddybär in der Kindheit trägt wohl zum positiven Bild bei, da kann der „böse Wolf“ im Märchen nicht mithalten. Bären legen aber keinen gesteigerten Wert darauf, uns über den Weg zu laufen. Sie hören oder riechen uns schon von weitem. Wird jedoch ein Bär plötzlich vom Menschen überrascht, kann er angreifen, um sich (und seine Jungen) zu verteidigen. Oftmals sind das Scheinangriffe, doch nicht immer. Der Braunbär ist Allesfresser, vorwiegend Vegetarier und verspeist zumindest in Europa keine Menschen, bei Braunbären in Nordamerika oder Eisbären kann das sehr wohl passieren. Doch letztlich reicht ein Prankenhieb, dass man die Begegnung nicht überlebt.
Die französische Anthropologin Nastassja Martin traf in Kamtschatka bei einer Bergtour plötzlich auf einen Bären. „Wir sind zwei Meter voneinander entfernt, es gibt keine Ausweichmöglichkeit, weder für ihn noch für mich“, schreibt sie in dem Buch „An das Wilde glauben“. Er zeigt ihr die Zähne, er hat wohl Angst, sie auch und macht es ihm nach. „Dann geht alles sehr schnell. Wir stoßen zusammen, er wirft mich um, meine Hände greifen in sein Fell, er beißt mich ins Gesicht dann in den Kopf ich spüre wie meine Knochen krachen.“ Er lässt los. In dem Moment greift Martin zum Eispickel und schlägt zu, ohne zu sehen wohin. Der Bär läuft davon, Martin überlebt.
Der italienische Bergläufer Andre Papi hatte nicht so viel Glück und wurde von einer Bärin beim Brenta-Gebirge getötet. Es seien schon zu viele Bären, man traue sich nicht mehr in den Wald, hieß es dann. Der Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messner schlug vor, man solle Bären in die Wildnis ausfliegen. Abgesehen davon, dass weltweit die Wildnis massiv schrumpft, sind in den Alpen andere Tiere ein Problem: Mütterkühe, die ihre Kälber schützen und Wanderer angreifen, schwer oder auch tödlich verletzen. Doch die Aufregung darüber hält sich in Grenzen. Stattdessen gibt es nicht nur „zu viele“ Bären, sondern auch „zu viele“ Wölfe, Biber und Fischotter. Nachdem man sie mit viel Aufwand und Geld wieder in ihren angestammten Lebensraum zurückbrachte, fordern Jäger, Bauern und Fischer sie rigoros abzuschießen. Die Wiederansiedlung von Braunbären im Ötschergebiet sorgte ebenfalls für Konflikte. Auch wenn man noch immer mit einem freundlichen Bären als Maskottchen wirbt, gibt es dort seit 2012 keine Bären mehr. Viele ignorieren, wie wesentlich ein Beutegreifer ist, um ein Ökosystem zu erhalten. Für den Wildbiologen Christoph Promberger, der in Rumänien lebt, geht die Diskussion deshalb oft am Thema vorbei: „Es geht nicht um die Zahl der Bären, sondern um die Zahl der Konflikte.“ Die Debatte werde von der Jägerschaft gepusht, weil sie Interesse an hohen Abschusszahlen hätten. Dabei müsste der Fokus auf Prävention und Management von Konflikten liegen.
Der Bär steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzbehörde IUCN und ist durch die Berner Konvention des Europarates geschützt. Sie ist die Grundlage für die seit 1993 geltende Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) der EU, die auch Entnahmen vorsieht. Doch müssen vor einem Abschuss gelindere Mittel ergriffen werden, wie Herdenschutz und Vergrämung, die den Bären wirklich beeindrucken. Nur Anschreien wird ihn nicht von Bienenstöcken, Mülltonnen und Lämmern fern halten. Doch viele wollen von Herdenschutz und Vergrämung nichts wissen, weil die Präsenz von Beutegreifern nicht akzeptiert wird. Bauern plakatieren lieber, dass die Almen ihren Nutztieren gehören und der Wolf (Bär) soll in die Wildnis - ohne zu bedenken, dass ihre Almen früher Wildnis waren.
Dass zurückkehrende Tiere so viel Ablehnung erfahren, ist widersprüchlich: Denn wir verursachen heute das sechste Massenartensterben der Erdgeschichte und sollten froh über jede noch existierende Art sein. Laut Weltbiodiversitätsrat steht etwa eine Million Arten vor dem Aussterben. Populationen von bestehenden Arten weisen mittlerweile eine so geringe Individuenanzahl auf bzw. sind so isoliert, dass sie trotz Schutzmaßnahmen aussterben werden, weil die genetische Variabilität verarmt. Laut dem WWF-Bericht Living Planet Report sank die Zahl der Wildtiere weltweit seit 1970 um rund 70 Prozent. In den vergangenen 40 Jahren verschwanden in Europa rund 600 Millionen Vögel. Es summt und brummt oft nur noch in Schutzgebieten - selbst dort immer weniger. Weltweit gibt es mittlerweile mehr Nutz- als Wildtiere: Ihre Lebendmasse ist zwanzigmal so groß wie die aller wilden Landwirbeltiere zusammen.
Die angeblich weise Menschenart Homo sapiens meint, die „Krone der Schöpfung“ zu sein, nach wie vor, trotz Umweltbewegungen. Wir glauben darüber befinden zu können, ob ein Lebewesen hier sein darf oder nicht, wir meinen sogar, ohne sie überleben zu können. Wir sehen uns nicht als Teil der Natur, die auch für uns klare Grenzen aufzeigt. Möglicherweise unser größter Irrtum. Denn wir und unsere Nutztiere sind genauso potenzielle Beute und Opfer. Der Bär steht als Symbol dafür, dabei ist er noch die harmlosere Naturgefahr im Vergleich zu Klimawandel und Artensterben. Auf mehr als 900 Seiten legt der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht in seinem Werk „Das Ende der Evolution“ umfassend und fundiert dar, wie ernst die Lage ist: „Der Mensch verändert mit seiner schieren Masse und seinem Lebensstil die Erde derart, dass ein ganzes Kapitel der Evolution des Lebens ausgelöscht wird, wenn es ganz schlimm kommt, uns eingeschlossen.“
Wir sind mittlerweile mehr als acht Milliarden Menschen. Noch nie in der Erdgeschichte haben so viele Menschen den Planeten Erde bevölkert. Das Wachstum war besonders in den letzten Dekaden rasant: Zu Beginn der 1950er Jahre gab es 2,7 Milliarden, bis 2100 rechnet die UNO mit bis zu neun oder gar zehn Milliarden. Die vielen Menschen, die alle gut leben wollen und auch sollen, und vor allem die verschwenderische Lebensweise der Wohlhabenden verdrängen alle anderen Lebewesen. Wenn schon eine Art „zu viel“ ist, dann sind das wir: Wir beanspruchen den Raum fast vollständig, mit Siedlungen, Straßen, Ackerflächen, Gewerbe und Industrie. Wir beuten unvermindert sämtliche Ressourcen am Land und im Meer aus, wir verschmutzen und vergiften, wir versiegeln und begradigen. Wie sollen hier andere Lebewesen überleben können? Sie haben schlichtweg keinen Platz mehr. Schutzgebiete alleine reichen nicht, um diese Entwicklung aufzuhalten. Wir müssten auf allen Flächen ökologischer leben.
Die Anthropologin Martin hat auf Kamtschatka die Bräuche des indigenen Volkes der Ewenen erforscht: „Sie wissen, dass sie nicht die Einzigen sind, die im Wald leben, fühlen, denken, hören, und das um sie herum andere Kräfte am Werk sind.“ Sicher, es ist ein anderer Wald, mit Bär, ein Wald, wo uns Gefahr drohen könnte. Doch der Wald ist für alle da. Er gehört uns nicht.