Hier ist nichts mehr in Ordnung 

Revolution in Ägypten: Die Nacht gehört den Demonstranten, Plünderern und Soldaten

Text: Eva Maria Bachinger, Foto: Claudia Sprenger, Kairo 2011

Publiziert in Salzburger Nachrichten


Hosni Mubarak sieht man nur noch auf Plakaten auf der Autobahn. Versonnen streift er durch grüne Gerstenfelder. Die Menschen sind überzeugt, dass er sich bereits ins Ausland abgesetzt hat. Im Land regieren die Militärs. Die verhasste Polizei ist ebenfalls teilweise wieder zurückgekehrt. Außer der dichten Smogwolke über der Stadt ist nichts mehr so wie vorher: Die Autobahnen sind um acht Uhr morgens völlig leer. Ein ungewöhnliches Bild für die 20-Millionen-Stadt. Statt Verkehrsstaus und Gehupe sieht man Schützen- und Kampfpanzer auf den Straßen. Abseits der noblen Villengegenden, z.B. „Sheikh Said“, einer gesicherten Wohnanlage mit Mauern und Securitys, nehmen junge Männer, bewaffnet mit Stöcken und Eisenstangen den Zivilschutz selbst in die Hand. Sie sperren die Straßen mit Schottersäcken und Steinen ab. Vor den verbarrikadierten Häusern stehen Familienväter und setzen sich gegen die Plünderer vor ihren eigenen Häusern zur Wehr. Unter den kriminellen Banden sollen sich auch Polizisten befinden. Darauf deuten bei Verletzten gefundene Polizeimarken hin, erzählt die Österreicherin Petra N., die seit drei Jahren in Kairo für ein ägyptisches Kulturinstitut arbeitet: „Mir ist die Lage zu unsicher, niemand weiß wie es weitergeht. Alle sind zwar froh, dass nun etwas passiert, aber man weiß nicht, ob es nicht doch noch zu einem Blutbad kommt.“ Ihre Wohnung liegt in der abgeriegelten Innenstadt. „Ich konnte nur noch morgens raus schnell zum Supermarkt. Wo es auch immer weniger zu kaufen gibt. Es gibt nichts zu tun und ich kann nicht mehr arbeiten gehen.“ Wasser, Reis und Brot wird in den Supermärkten zusehends knapp. Von 16.00 Uhr bis 8.00 Uhr morgens gilt in Kairo die Ausgangsperre. Die Nacht gehört den Militärs, Demonstranten und Plünderern. „Auf meinen Balkon haben sie geschossen, die Banden wollten in unserer Haus“, erzählt Rahman A. Er ist in die französische Botschaft geflüchtet.

Claudia Sprenger, Mitarbeiterin des Bolzmann Instituts in Wien, wollte noch Tansania um Sozialprojekte zu evaluieren und kam in Kairo nicht weiter. „Eine Freundin von mir sitzt mit zwei kleinen Kindern in ihrer Wohnung, nicht weit von der Innenstadt. Sie trauen sich nicht hinaus. Unten sichern die Männer mit Schlagstöcken das Haus.“

Obwohl die Sicherheitslage kritisch ist, wollen viele Ägypter bleiben und das Land nicht verlassen. Doch am Flughafen herrscht reges Treiben. Ausländer und betuchte Ägypter reisen aus. Sie versuchen es zumindest. Die Vertreter der österreichischen Botschaft haben alle Hände voll zu tun, um gestrandete Österreicher auf Flüge nach Wien zu bekommen. Am Montag warten rund 300 Österreicher am Flughafen. Die AUA schickte aber nur einen Flieger mit 192 Plätzen. Eine Sondermaschine wäre dringend nötig. Noch immer treffen neue Touristen ein. Eine österreichische Reisegruppe aus Luxor ist auf eigene Faust nach Kairo gekommen und sitzt nun ebenfalls fest. Erst nach hartnäckigen Interventionen von Botschaftsmitarbeitern beim Außenministerium soll nun um 19.00 Uhr eine Sondermaschine eintreffen. Auch deutsche Staatsbürger wenden sich an die Menschen in den rot-weiß-roten Jacken. „Ich habe bei meiner Botschaft angerufen, doch man sagte mir, jeder sei für sich selbst verantwortlich. Ich erwäge einen Wechsel meiner Staatsbürgerschaft“, so ein verärgerter deutscher Tourist am völlig überlaufenen Maṭar al-Qahira ad-duwali- Flughafen. Während die österreichischen Militärattaches Johan Hornung und Udo Frankovsky unermüdlich im Einsatz sind, tauchte die Deutsche Botschaft erst Montag Mittag am Airport auf.

Das ägyptische Flughafenpersonal ist teilweise seit Tagen ohne Schlaf im Einsatz. Sowie Ahmet S. „Hier ist es wenigstens sicher, weil das Militär rund um den Flughafen ihre Lager errichtet hat. Ich erreiche aber meine Kollegen nicht, die mich ablösen sollten.“ Die Reinigungsfrau Suada Ashlas wiegt den Kopf sorgenvoll hin und her „Nichts ist mehr in Ordnung. Gar nichts mehr.“ Die Menschen schlafen überall, am kalten Steinboden, in unbequemen Plasitiksitzen. Kinder sind völlig übermüdet, quengeln und weinen. Die eher disziplinierte Stimmung droht dann zu kippen, wenn nach stundenlangem Warten auf den Infoschirmen nicht mehr „Delayed“ sondern „Cancelled“ erscheint. Fluggäste aus Nigeria springen auf und schreien einen Vertreter des Flughafens minutenlang an, eine Amerikanerin mit ihren Sohn auf den Arm schmeißt schließlich ihre Nerven weg, doch die Ägypter bleiben gelassen: Alles wird gut gehen, Inshallah, so Gott will.

Feministin Saadawi: „Wir werden siegen“

Drei junge Frauen mit weißem Kopftuch stehen an der staubigen Bushaltestelle – rund herum nur Männer. Das Straßenbild in Kairo ist untertags und vor allem nachts dominiert von Männern, auch auf vielen Pressebildern von den Demonstrationen sind kaum Frauen zu sehen. Besonders Frauen mit Kindern harren in den Wohnungen aus und vermeiden es auf die Straße zu gehen. „Meine Frau sitzt mit zwei kleinen Kindern in der Wohnung. Ihnen ist das Wasser ausgegangen, sie trauen sich nicht raus, weil zwei Kampfpanzer in der Straße stehen“, erzählt der österreichische Militärattachée Johann Hornung. Auch die Deutsche Susanne B., die in Kairo aufgewachsen ist und mit einem Ägypter verheiratet ist, bleibt in ihrer Wohnung. „Der Hausmeister holt uns das Essen vom Markt. Unser Problem ist, dass uns langsam das Geld ausgeht. Unsere Gehälter liegen auf der Bank und die sind seit Tagen geschlossen.“ Sie kennt viele Frauen, die unermüdlich und mutig gegen Mubarak demonstrieren: „Meine beste Freundin war gestern am Tahir-Platz. Es ist alles gut organisiert, nicht schmutzig. Die Demonstranten räumen teilweise selber den Müll weg.“

Das Ausmaß des Widerstands der Frauen wird vor allem im Internet sichtbar: In sozialen Netzwerken wie Facebook, Youtube und Twitter tauschen sich die Frauen aus. Die Facebook-Gruppe „Women of Egypt“ hat bereits mehr als 700 Anhänger aus der ganzen Welt. Die Frauen dokumentieren in Fotos, Statements und Videos ihren Aufstand. Junge, ältere Frauen, Frauen mit oder ohne Kopftuch, Frauen in Ganzkörper-Verschleierung, sie alle sind derzeit auf den Beinen. Kopfbetuchte Frauen schreien: „Mubarak geh, geh!“, andere Demonstrantinnen geben sich mit Polizisten Schreiduelle.

Die 33jährige Journalistin Marwa Houssein steht Dienstagmittag auf dem Tahir-Platz im Zentrum der Stadt. Hunderttausende haben sich dicht gedrängt versammelt, viele finden nur noch in den Nebenstraßen Platz. Während ein Militärhubschrauber über ihre Köpfe fliegt, spricht sie energisch: „Wir demonstrieren friedlich und wir machen weiter bis unsere Forderungen erfüllt werden. Mubarak muss weg, mit all der Korruption. Seine Polizei hat die Menschen in den vergangenen Jahren nur erniedrigt und völlig willkürlich behandelt.“ Sie kann derzeit nicht für eine Online-Zeitung arbeiten, weil das Internet voraussichtlich eine weitere Woche abgeschaltet bleibt. Seit zwei Tagen geht sie demonstrieren und hat das auch weiterhin vor. Die 50jährige Koptin Soad G. verfolgt den Widerstand hingegen von zuhause aus, sorgenvoll: „Aufgrund meines Alters und auch weil ich mich fürchte, gehe ich nicht zum Tahir-Platz. Mitterweile haben sich dort eine Million Menschen versammelt. Ich habe Angst, dass es in eine blutige Richtung geht. Es werden böse Gerüchte verbreitet, dass Ägypten durch die Demonstranten ruiniert werden würde.“ Sie sitzt seit fünf Tagen in ihrer Wohnung. „Heute bin ich hinausgegangen und habe eingekauft. Es gibt noch Essen, aber es ist sehr teuer geworden.“

Auch die bekannte ägyptische Feministin Nawla El Saadawi – jahrelang im Exil – ist nach Kairo zurückgekehrt und geht jeden Tag auf die Straße, wie sie dem unabhängigen US-Politmedium „Democracy Now“ in einem Telefoninterview sagte. „Frauen und Mädchen demonstrieren Seite an Seite mit Männern auf der Straße. Sie fordern Gerechtigkeit, Freiheit und echte Demokratie. Mubarak sollte schon längst abgedankt haben, wenn er den Willen des Volkes respektieren würde.“ Angst hat die 79jährige, die unter Präsident Anwar al-Saadat politische Gefangene war, nicht: „Wenn ich in die Straßen gehe und ich sehe all die Menschen, Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche, dann fühle ich mich sicher. Ich bin überzeugt davon, dass die Revolution erfolgreich sein wird. Wir werden siegen.“

Previous
Previous

Gebärdensprache

Next
Next

Gebären um jeden Preis?