Grüne Kraft
Was wollen wir von unseren Flüssen? Fast drei Jahrzehnte nach den Protesten gegen das Kraftwerk Hainburg plant der Verbund acht neue Wasserkraftprojekte an Mur, Inn, Donau und Salzach. Die Salzburg AG will die Mur im Oberlauf umleiten, die Tiwag forciert das Kraftwerk Kaunertal. Widerstand formiert sich eher nur lokal. Wasserkraft gilt heute als ökologisch und klimaneutral. .
Text: Eva Maria Bachinger
Publiziert in Salzburger Nachrichten, 2012
Der Fluss schlängelt sich durch das Tal. Er bildet Wasserbecken und Schotterbänke. Verschiedene Strömungen entstehen, das Wasser ist milchig von Eis und Schnee aus den Julischen Alpen. Das Ufer mit Bäumen und allerlei Getier ist ursprünglich, wild, altes Holz liegt herum. Man sieht wie weit das Wasser reichen kann, wie es mit dem Land spielt und es formt. Die Fella im Friaul ist ein naturnaher Fluss, zumindest im Oberlauf. Ein Fluss, der sich ausbreiten darf, ist in Mitteleuropa eine Seltenheit. Es gibt bei den großen Flüssen nur noch einzelne naturnahe Bereiche. Alle sind sie begradigt, kanalisiert, gezähmt: Donau, Inn, Salzach, Traun, Mur, Mürz. Mit den wilden Flüssen verschwanden aber auch viele Tier- und Pflanzenarten, vor allem die Dichte von Beständen hat abgenommen. Das blaue Herz Europas schlägt mittlerweile fast nur noch auf dem Balkan. Auf 36.000 wilde Flusskilometer kam die Studie der NGOs ECA-Watch und Euronatur. Zum Beispiel die Moraca in Montenegro, die in den Skutarisee mündet. Der längste Fluss Europas, der von der Quelle bis zum Meer durchgängig fließt, ist die Vjosa in Albanien. Solche großen, mäandernden Flüsse gibt es in Österreich kaum noch, deshalb hat sich auch der Blick verändert. In einem Zeitungsbericht ist von einem „Wasserschutzprojekt“ die Rede, obwohl ein Hochwasserschutzprojekt gemeint ist. Nicht das Wasser wird geschützt, sondern die Menschen vor dem Übermaß an Wasser. An anderer Stelle wird geschwärmt: „Die March ist ein sanfter Fluss, fast grün im Ton, umrandet von dichten Auwäldern, voll von langen, schweren Karpfen und Hechten“. Unerwähnt bleibt, dass der Fluss großteils zwischen zwei Dämme wie ein Kanal eingezwängt ist und die Zugänge zur Au oft ausgetrocknet sind, sprich ein Auwald verschwindet, wenn es kaum mehr Verbindungen mit dem Fluss gibt. Die Aufregung ist groß, wenn Flüsse nach starken Regenfällen Hochwasser-Katastrophen wie 2002 auslösen. Doch die Ursache dafür ist nicht nur starker Regen, sondern auch die Regulierung und das Zubetonieren der Landschaft: „Das Wasser kann nicht mehr versickern, wir haben die Flüsse begradigt, ihnen alle Stauräume genommen, und statt Wald, der sehr viel Wasser aufnehmen kann, haben wir im besten Fall Landwirtschaft, im schlechtesten Fall Beton. Außerdem rücken wir immer näher an die Flüsse heran – wir lassen ihnen keinen Spielraum mehr“, sagt die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb.
Grillen statt Rafting. Es gibt vereinzelt einen Rückbau der Flussregulierungen wie bei Hainburg an der Donau, doch im oberösterreichischen Machland glaubt man, dass ein 36 Kilometer langer Damm vor Hochwasser schützt. Der grüne Landesrat Rudi Anschober nennt solche Projekte „Teil einer Anpassungsstrategie an die Klimaveränderung“. Nun sind zwar im Machland sieben Gemeinden geschützt. Doch je höhere Dämme man baue, desto größer werde die Gefahr für Orte weiter flussabwärts, sagt der Ökologe Ulrich Eichelmann. Der Energieversorger Verbund betreibt mehr als hundert Wasserkraftwerke in Österreich und plant acht neue Projekte an den Flüssen Inn, Donau, Mur und Salzach. Man setzt deutlich auf ein grünes Image: Die neuen Kraftwerke sollen für tausende Haushalte „sauberen Strom“ liefern, „aus Ihrer Region“. Die Salzburg AG will die Wehranlage zwischen Ramingstein und Tamsweg an der Mur im Lungau 300 Meter flussabwärts verlegen. Ein Großteil des Wassers wird in einen Druckstollen durch den Berg abgeleitet, in der Mur verbliebe demnach weniger als ein Viertel des derzeit ohnehin niedrigen Wasserstandes. Die Plattform „Lebensader Mur“ leistet dagegen massiv Widerstand. „Für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen sind theoretisch Biomasse, Wasser, Wind, Erdwärme und Sonne verfügbar. Die Sonne liefert bessere Erträge im Süden Europas, der Wind im Norden bzw. in Küstennähe. Salzburg kann die Energiewende am effizientesten erreichen, wenn Wasserkraft weiter ausgebaut wird“, argumentiert August Hirschbichler, Vorstandssprecher der Salzburg AG. Das Land Salzburg will bis 2050 unabhängig von fossilen Energien sein. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir Verzicht üben. Rafting sei in einem der letzten naturnahen Mur-Abschnitte nicht mehr möglich, dafür aber Grillen und Radeln am Ufer, tröstet die Salzburg AG. Der Bestand an ausgewachsenen Fischen werde zurückgehen, die Artenvielfalt sich aber erhöhen, ist man sich sicher. Der Grund für den Ausbau ist die Energiestrategie 2010 der Bundesregierung, die einen Beitrag der Wasserkraft von 3,5 Terawattstunden pro Jahr zur Erreichung der erneuerbaren Energie-Ziele bis 2020 vorsieht. Umweltminister Nikolaus Berlakovich wirbt – mit Einschränkungen – für den Ausbau von Wasserkraft, die „einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz“ leiste. Gleichzeitig bestehe aber der Anspruch, Gewässer in ihrem Zustand zu erhalten und nicht zu verschlechtern: „Einen Ausbau der Wasserkraft sollte es daher nur dort geben, wo dies ökologisch verträglich ist.“ Wolfgang Syrowatka vom Verbund: „Der Energieeinsatz, der für die Errichtung von Anlagen notwendig ist, wird durch die CO2-freie Erzeugung oftmals schon im ersten Betriebsjahr ausgeglichen. Der Verbund erspart der heimischen Klimabilanz rund 20. 000 Kilo-Tonnen CO2 durch den Schwerpunkt Wasserkraft. “
In Österreich hat Wasserkraft hat eine hohe emotionale Bedeutung. Richtig stolz war man früher darauf, die Flüsse gezähmt zu haben. Das Kraftwerk Kaprun, 1955 eröffnet, ist ein Symbol des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Ulrich Eichelmann von Eca-Watch sieht in Wasserkraft-Projekten dagegen eine der schlimmsten Formen der Energiegewinnung. Er kritisiert besonders das Wegschauen der Zivilgesellschaft. Selbst die Grünen, die sich 1984 aus dem Widerstand gegen Hainburg formiert haben, bekennen sich zu einem naturverträglichen und strategischen Ausbau der Wasserkraft. „Dabei muss es aber eine klare Priorität für Effizienzsteigerungen bestehender Kraftwerke vor der Erschließung neuer Flussabschnitte geben“, sagt Umweltsprecherin Christiane Brunner. „Bei Neuerschließung muss darauf geachtet werden, dass die letzten Flussjuwele Österreichs geschützt werden. Derzeit verläuft der Wasserkraftausbau unkoordiniert und beruht auf überzogenen Vorstellungen der Energiewirtschaft.“ Brunner plädiert deshalb für einen Nationalen Masterplan Wasserkraft.
Wenig bekannt sind Folgen des Staudammbaus, die Experten sorgenvoll beobachten. „Östlich von Wien fehlt das gröbere Schotter-Material. Es kommt dadurch zu einer Eintiefung der Donau: Der Fluss trägt die Sohle zwei Zentimeter pro Jahr ab, obwohl der Verbund beim Kraftwerk Freudenau jährlich 200. 000 Kubikmeter Schotter zugibt. Ohne dieser Zugabe wären es drei Zentimeter. Wir befürchten, dass es auf einer Strecke von neun Kilometern zu einem Durchschlag der Sohle kommen könnte, was verheerende Folgen für die Donau-Schifffahrt hätte. Im Worst Case könnte sich eine 80 Meter breite und zehn Meter tiefe Rinne bilden. Der Nationalpark Donauauen ist jetzt schon massiv betroffen, durch das Absenken des Grundwassers könnte die Au in 100 bis 150 Jahren ausgetrocknet sein“, warnt beispielsweise Helmut Habersack von der Universität für Bodenkultur. Auch die Salzach gräbt sich immer tiefer ein, weil durch Staudämme zu wenig Kies nachkommt. 2002 kam es im Freilassinger Becken zum lange befürchteten Sohldurchschlag. Der Grundwasserspiegel sinkt und der Fluss wird immer mehr von der Au getrennt. Die Sanierung kostete 400 Millionen Euro. Nun sind Großprojekte wie der Ilisu-Staudamm in der Türkei fataler als Projekte in Österreich. Doch das den SN vorliegende Gutachten der Tiroler Umweltanwaltschaft (TUA) zum Kraftwerksprojekt Kaunertal zeigt, wie mit Wildflüssen umgegangen wird: Im Antrag auf Umweltverträglichkeitsprüfung werde von Seiten der Tiwag „ein irreführendes Bild über die Ausgangslage gezeichnet“, heißt es darin. Es sei „schlichtweg falsch“, dass sämtliche Schutztatbestände und die Alpenkonvention eingehalten würden. Die Umweltanwälte gehen davon aus, dass es zu „schwerwiegenden und unvertretbaren“ Auswirkungen kommt: „Ein einzigartiges Hochtal, das Platzertal, mit seinem mäandrierenden Bachlauf, seinen großflächigen Moorkomplexen und seinen Lebensräumen für geschützte Tierarten wird zerstört werden“. Das eigentliche Dilemma wird viel zu wenig angesprochen: Der Stromverbrauch ist laut Umweltbundesamt seit 1990 jährlich um zwei Prozent gestiegen. Um einen weiteren Ausbau von Wasserkraftwerken zu verhindern, müsste also tatsächlich vor allem der Stromverbrauch gedrosselt werden.
Im Aaresäckle durch Bern
Alt und Jung schwimmt: Der Rhein und die Aare in der Schweiz sind beliebte Badeflüsse.
Der Braunbär putzt sich seelenruhig seine Tatzen. Die Badenden, die in der türkisblauen Aare vorbeischwimmen, beachtet er nicht. Die Strömung ist stark, die Schwimmer kommen rasch voran. Manche jauchzen und lachen, andere lassen sich genussvoll treiben. Alle paar Meter sind rote Geländer montiert, an denen man ins Trockene klettern kann. In der schmucken Schweizer Hauptstadt Bern ist das Aare-Schwimmen der Sommerhit und so normal wie die Braunbären im sogenannten Bärengraben mitten im Stadtzentrum. Sobald die Temperaturen steigen, holen die Berner die wasserdichten Schwimmtaschen, die Aaresäckle, hervor. Kleidung, Geldtasche, Mobiltelefon werden in den Sack gepackt und los geht´s! Am vergnüglichsten ist das Baden ab mittags, weil sich dann das Wasser erwärmt hat, zwar auch nur auf 18 Grad, aber immerhin. Schließlich kommt die Aare aus dem nur 100 Kilometer entfernten Aare-Gletscher. Vorbei geht es an Häusern, Cafés, Sonnenbadenden, mitten durch die Stadt. Ein sanftes Knistern begleitet das Baden: Kieselsteine werden durch die Strömung mitgeschleift und verursachen das Geräusch. Seit diesem Sommer sind die empfohlenen Badeplätze und Einstiegsstellen in die Aare sogar auf dem Stadtplan eingezeichnet. Die Verwegenen springen von Brücken in den Fluss. Verboten ist das nicht, doch von den ganz großen Brücken rät die Stadtgemeinde dringend ab. Das Schwimmen erfolgt generell auf eigene Gefahr. Die Stadt macht in Broschüren auf Gefahren wie Strömungen aufmerksam.
Im Sommer sitzen also die Berner in Badekleidung in Bars und Cafés oder flanieren am Flussufer. Sie schwimmen in Gruppen oder allein, mit Luftmatratze oder auch im Schlauchboot. „In die Aare geht jeder – ob jung ob alt, ob Einheimischer oder Tourist, ob mittags oder abends. Wenn es im Sommer heiß ist, sieht man zu fast jeder Tageszeit Menschen entlang der Aare laufen und schwimmen“, erzählt Edith Hartmann, die um die Ecke in der Altstadt wohnt. In der Aare wird seit Menschengedenken gebadet. Das größte Flussbad in der Schweiz, das Marzilibad, wurde in Bern 1782 eröffnet. Für den Tourismus ist der Bergfluss ein wichtiger Magnet. „Das Schwimmen in der Aare ist ein wunderbares und einmaliges Erlebnis – nicht viele Hauptstädte können durchschwommen werden“, sagt Markus Binder von der Stadt Bern. Ein Hauptgrund ist nicht nur die Sauberkeit des Wassers, sondern auch die Tiefe von mehr als drei Metern.
Der Rhein in Basel ist breiter und nicht so klar wie die Aare, Schwimmen aber auch hier ein Volkssport. Man sollte sich eher in Ufernähe aufhalten, denn im Rhein verkehren auch größere Schiffe. Deshalb benutzen viele Schwimmer bunte Schwimmsäcke, um von den Schiffen früh genug gesehen zu werden. Pro Tag lassen sich mehrere Hundert Personen mit den Fluten treiben. Das Springen von den Brücken ist nicht erlaubt. „Insbesondere die jüngere Generation lässt sich dieses Erlebnis nicht nehmen. Mir ist aber nicht bekannt, dass Strafen ausgesprochen wurden“, sagt Sabine Horvath von der Stadt Basel. Für die Stadt ist das Flussschwimmen wichtig in den auslastungsschwachen Monaten Juli und August. „Für viele ist es kaum vorstellbar, dass man in einem Fluss durch eine Stadt schwimmen kann“, meint Christoph Bosshardt von Basel Tourismus. Das Staunen angesichts der fröhlich Badenden ist mitunter groß.