Auf nach Tadschikistan!
Text: Eva Maria Bachinger Foto: Aleksandra Pawloff
im Ferganatal, 2014
Publiziert in Die Wienerin
Die Bevölkerung in Tadschikistan sitzt in der Kälte. Oder vor glühenden Kohlen. Eine Marillenbäuerin, die wir im Ferganatal besuchen, hebt in ihrer einfachen Behausung das schwere, geblümte Tischtuch und zeigt verschmitzt lächelnd auf die glühenden Kohlen unter dem Tisch. Wir sollen Platz nehmen, uns mit einer Decke zudecken, die Füße ausstrecken und sie von der Glut wärmen lassen. Aber aufpassen! Die Beine nicht zu sehr ausstrecken, warnt sie uns. Langsam tauen wir auf, auch mit Hilfe des heißen Tees, dem frischen Fladenbrot, getrocknete Marillen und Ziegenkäse. Die Kälte ist auf unserer Reise ein stetiger Begleiter: Nicht nur wegen des kontinentalen Klimas, das heiße Sommer beschert und bitterkalte Wintermonate, sondern auch weil Tadschikistan seit 1991 einen anhaltenden Konflikt mit Usbekistan hat. Der zornige Nachbar hat deshalb die Grenze vermint und die Gasleitung einfach gekappt. So rosten die Heizungsrohre munter vor sich hin oder werden kurzerhand abmontiert und anderwärtig verwendet. Holz ist teuer, weil die wenigen Bäume bereits seit Jahrzehnten rigoros abgeholzt werden. Wiederaufforstung gibt es kaum. Die Regierung unter Emomali Rachmon, seit 1994 autoritärer Staatspräsident, kümmert sich nicht um Alternativen. In Hotels wiederum blasen uns die Klimaanlagen im Dauerbetrieb warme Luft entgegen. Der Strombedarf ist dadurch enorm. Wasserkraft ist zwar üppig vorhanden, aber nicht für alle: „Für die Wohlhabenden gibt es immer Strom aus einer eigenen Leitung, für die vielen Ärmeren fällt er hingegen oft aus“, erzählt Julia Weber, die für das Hilfswerk Austria International die Region immer wieder bereist.
Das Reiseziel Kirgistan wird von Europäern selten besucht, wenn dann zum Heliskiing oder Bergsteigen. Kaum Touristen tauchen in der zweiten Destination Tadschikistan auf, das wie ein weißer Fleck auf der Landkarte erscheint. Es kommt in der Berichterstattung selten vor, man kennt die Hauptstadt nicht, man weiß nicht, welche Sprache dort gesprochen wird, wie die Menschen sind. Der kleine zentralasiatische Staat mutet zwischen Usbekistan, Kirgistan, China und Afghanistan exotischer an als ein afrikanisches Land. Während die Kirgisien asiatisch geprägt sind, ist Tadschikistan persisch beeinflusst. Die Sprache ist eine Variation der persischen Sprache, die Schrift ist allerdings durch die Sowjetunion kyrillisch. Fremdartig geht es auch am Flughafen zu: Bei der Ankunft im kirgisischen Osh um vier Uhr früh sind wir angesichts der Abwicklung der Gepäcksausgabe etwas sprachlos: Es gibt kein Gepäcksband, sondern ein Kleinlaster mit Anhänger fährt vor, Männer laden die Gepäckstücke ab und werfen sie unsacht in die Ankunftshalle. Dutzende Reisende balgen sich um die Koffer, Taschen und mit Plastik umwickelten Kartonschachteln. Viele große Familien scheinen von der Haddsch nach Mekka zurückgekehrt sein. Etliche Stücke bleiben herrenlos liegen. Unser Gepäck taucht gar nicht erst auf.
Mit Jetlag und nur mit der Kleidung, die wir am Leib tragen, brechen wir mit einem Jeep zur Fahrt an die tadschikische Grenze auf. Es ist wie ein surrealer Traum: Der Nebel hängt dicht im Tal, die Landschaft ist karg, nur hier und da steht in der Steppe eine abgemagerte Kuh und sucht nach einem vergilbten Grashalm. Manchmal verweilen die Herden einfach auf der Fahrbahn und haben keine besondere Eile auszuweichen. In der Stadt Batken versuchen wir Kleidung zu kaufen und werden nur in einem kleinen Geschäft fündig, der chinesische Billigware führt. Später bringt uns Umed Aslanov, Regionalmanager des Hilfswerks zu einer alten Frau, die aus Ziegenwolle große, wärmende Umhängeschals strickt. Wir haben die Modelle bei den Bäuerinnen gesehen, die sich so gegen die Kälte wappnen. Die Frau holt alle ihre gefertigten Stücke hervor und hängt sie vor das Haus auf einen Zaun, damit wir sie in Ruhe betrachten und wählen können. Die Frau, die sich mit dieser Handarbeit ihre karge Pension aufbessert, macht das Geschäft des Jahres mit uns.
Am Grenzübergang Guliston harren rund 20 Männer in der Kälte aus. Sie warten geduldig und diszipliniert in einer Reihe auf Durchlass. Einen schüttelt es vor Kälte, er trägt nur eine schwarze Kunstlederjacke und Jeans. Die Männer sehen müde und abgearbeitet aus, älter als sie sind. Sie kommen zurück von schwerer Baustellenarbeit in Russland. Weil es billiger ist, fliegen sie nach Osh in Kirgistan und überqueren die Grenze nach Tadschikistan in kleinen Minibussen. Die Grenzbeamten mit ihren tellergroßen Mützen sitzen in ihren behaglich-warmen Hütten, während sie penibel genau die Dokumente beäugen. Uns fertigen sie schneller ab als die Männer. Kurz nach der Grenze galoppieren zwei junge Männer herbei um uns zu grüßen. In schwarzen Reiterstiefel und mit einem Zweig als Gerte sitzen sie stolz hoch zu Ross.
Im Ferganatal, wo die berühmte Seidenstraße durchzieht, ragen die Alai-Berge und die Ausläufer des Tian Shan mehr als 5.000 Meter hoch. Nur 26 Prozent der Fläche von Tadschikistan ist für Landwirtschaft geeignet, alles andere ist karges Hochgebirge. In der fruchtbaren, weite Ebene, durchzogen vom Fluß Sydarja, werden seit Jahrhunderten Baumwolle, Reis, Wein und Marillen angebaut. Verwirrende Grenzlinien in der Senke trennen Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan voneinander. Es ist Nachmittag, die Berge sind wie ein Scherenschnitt am Horizont gezeichnet, als wir mit dem Jeep über die Straße in Richtung Khudzhand brettern. Unser Fahrer muss immer wieder ausweichen - vor tiefen Schlaglöchern und vor Schafherden. Im Winter sprengt der Frost den Asphalt, durch Starkregen kann es auch passieren, dass Teile der Straßen einfach weggeschwemmt werden. Die Regierung überlässt den Straßenbau chinesischen Firmen, die ihre Arbeiter in Containersiedlungen hausen lassen. Khudzhand ist eine der ältesten Städte Zentralasiens, mindestens 2.500 Jahre alt. Berühmt ist es für die große, überdachte Panjshanbe-Markthalle mit allerlei Früchten, Nüssen, Kleider und Schmuck. Am Hauptplatz thronen über die Jahre immer größer gebaute Moscheen vor der mächtigen Bergkulisse.
Malika Boimuradova ist eine aparte Erscheinung in ihrem schwarzen Kostüm. Sie ist die Chefin der gemeinnützigen Organisation Asti in Khudzhand, die sich besonders für Friedensarbeit in dem Grenzgebiet einsetzt. Die NGO initiiert unter dem Motto „Tal des Friedens“ immer wieder Treffen von Usbeken, Tadschiken und Kirgisien und Sommercamps für Kinder. „Wir sind alle Zentralasiaten. Es gibt mehr Gemeinsames als Trennendes“, so Boimuradova in ihrem Büro, wo nebenan vor allem Männer an ihren Schreibtischen emsig arbeiten. Die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte sind ihr ein besonders Anliegen. Wir fragen sie nach Demokratie und Pressefreiheit, weil wir öffentlich niemanden interviewen dürfen und um mehr Bewegungsfreiheit zu haben offiziell auch als Touristinnen eingereist sind. Um zu verdeutlichen, wo Tadschikistan steht, nimmt sie einen Block zur Hand und skizziert ein Tortendiagramm. „Sie kennen die verschiedenen Bedürfnisstufen eines Menschen nach Maslow? Wir sind jetzt hier“, sagt Boimuradowa und zeigt auf den Anteil, der für die absoluten Grundbedürfnisse steht. „Die Menschen sehnen sich nach Ruhe, Kontinuität und Stabilität“, erklärt Boimuradova. Es sei bereits ein großer Fortschritt, dass es in Khudzhand wieder ein Theater, ein Museum und ein Sportstadium gebe. „Früher benötigte man 19 Stunden mit dem Auto in die Hauptstadt Duschanbe, nun durch den Bau von Tunnels vier bis fünf Stunden“, erzählt sie. Luxus am Land sei ein eigenes Badezimmer zu haben. Vorrangiges Ziel von Asti ist deshalb die Verbesserung der Lebensbedingungen, so Boimuradova, auch indem den Bauern Trainings angeboten werden um ihre Kompetenzen und Kapazitäten im Biolandbau zu stärken. Es mangle an Wasser, Dünger und umweltfreundliche Schädlingsbekämpfungsmittel. Zudem ist das Land sehr fragmentiert: Jede Familie hat nur etwa 0,7 Hektar Land zur Verfügung. So werden sie bestärkt sich in Kooperativen zusammenzuschließen. Die sowjetische Planwirtschaft hat ausgedient, viele im Land reden nun von Profit und Wachstum. Beim Besuch der großen Familie von Kulchu und Arkey Najmiddinov bestätigt sich das: „Die Sehnsucht nach Freiheit und Profit ist groß. Wir wollen mehr anbauen, mehr Ertrag, mehr Einkommen, damit wir ein Haus für unsere Enkelkinder bauen können“, sagt der Familienpatriarch, der stolz mit einem traditionellen, weißen Hut und Stickereien mitten unter seinen Kindern und Enkel auf bunten Teppichen am Boden sitzt. „Man muss die Relationen im Blick behalten: Bei den Bauern geht es natürlich um Wachstum, aber ihre Ausgangssituation sind 30 Marillenbäume,“ so Expertin Julia Weber.
Bäuerinnen in Guliston, eineinhalb Autostunden von Khudzhand entfernt, haben sich zu einer Kooperative zusammengeschlossen und versuchen mit dem Fair-Trade-Gütesiegel für ihre Marillen unabhängiger vom Zwischenhändler und vom üblichen geringen Marktpreis zu werden. „Ich habe am Markt ein Kilo Marillen um einen Dollar verkauft, der Zwischenhändler hat ihn um drei Dollar weiterverkauft. Wir arbeiten und investieren so viel, das tut im Herzen weh und ist entwürdigend. Ich habe diesen Händler verflucht“, schildert die Bäuerin Bibikhon Abdumannonova. Sie brauchen das Geld dringend, die Marillenernte ist das einzige Mal im Jahr, wo Bargeld ins Haus kommt. „Doch heuer haben wir eine sehr schlechte Ernte, weil gerade in der Blütezeit der Frost kam“, so Zamirakhon Hakimova, Leiterin der Gruppe. Im verarbeitenden Betrieb bei Isfara haben 150 Menschen Arbeit gefunden: In einer Halle sitzen dutzende Frauen an den Tischen, von blutjung bis älter, mit geblümten Kopftüchern und Kitteln. Mit Küchenmesser schneiden sie braune Stellen aus den Marillen, den Schwefelgeruch, der uns in den Augen beißt, nehmen sie nicht mehr wahr. Im Hof verladen sie die schweren Kartons voller Trockenfrüchte, die exportiert werden. Bisher ist die Türkei Hauptexporteur von Trockenobst, aber auch das Ferganatal will mehr am Weltmarkt mitnaschen. Der Vorteil des Fair-Trade-Gütesiegels sind höhere Preise, die damit erzielt werden können, und ein besseres Image.
Durch die Zeit in der Sowjetunion kam es zum Bruch mit dem Islam. Die Religion ist nach wie vor wichtig, doch es ist ein moderater Islam. Alles nicht so streng. Unser Reisebegleiter Umed Aslanov und seine Kollegen haben für uns Gäste stets eine Flasche mit glasklaren Wodka dabei. Beim Abendessen wird er wie Wasser getrunken. Die Frauen tragen Kopftücher, aber sie dienen eher dem Schutz vor Staub, Kälte und Hitze, sind modisches Accessoire und bäuerlich im Nacken zusammengebunden. Durch die monatelange, arbeitsbedingte Abwesenheit der Familienväter und Söhne haben sich die Geschlechterstrukturen verändert: Die Frauen haben zuhause das Kommando übernommen. Durch den Kommunismus ist Gleichberechtigung ohnehin ziemlich selbstverständlich, aber nun werden die Frauen und ihre Arbeit überlebenswichtig für Zentralasien. Das stärkt nachhaltig ihre Position und ihr Selbstvertrauen. Die hübsche, 18jährige Gaanatia etwa: Sie schneidet die Flecken aus den Marillen, sortiert die Früchte, trägt ein Kopftuch mit Tigermuster und sagt bestimmt: „Ich habe die Schule beendet, aber ich will studieren. Nun verdiene ich Geld, aber bald beginne ich mein Studium in Khudzhand. Ich möchte Mathematiklehrerin werden.“